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Portraits

Émile Zola: Erzähler vom Leben, Chronist der Gesellschaft


„Émile Zola, zu Lebzeiten als Vaterlandsverräter und Pornograph beschimpft, gilt längst als einer der Wegbereiter der Literarischen Moderne. Ohne Rücksicht auf bürgerliche Tabus hat Zola der Literatur völlig neue soziale Welten erschlossen (und) als einer der Ersten eine Sprache gefunden für die schmutzige nach Zwiebeln und Ausbeutung stinkende Welt des Frühkapitalismus.“ (fischerklassik.de)

Diese Worte über den Autor gibt der Fischer-Verlag den Lesern des „Germinal“ mit auf den Weg. Und in der Tat lohnt es sich, nicht nur Zolas Werk kennenzulernen, sondern auch etwas über dessen Bedeutung zu wissen und einige Details aus dem Leben des Autors zu erfahren- die Lektüre der Romane wird dadurch mit Sicherheit spannender und informativer.

ZolalaGeboren im Jahre 1840 war er ebenso Zeitgenosse wie bedeutender Kollege Guy de Maupassants, Joris-Karl Huysmans´, Alphonse Daudets, Gustave Flauberts, also der bedeutendsten französischen Schriftsteller ihrer (auf die Balzacs und Stendhals fogenden) Generation. In seinen frühen Jahren -so Kindlers Literaturlexikon- noch einer romantisierenden Literaturauffassung zugetan, wandte er sich mit seinem dritten Roman, „Thérèse Raquin“, mit dem er auch bekannt wurde, einer innovativeren und eigenständigeren Schriftstellerei zu und setzte sich sowohl in Literaturzirkeln als auch praktisch im eigenen Werk mit Konzepten auseinander, die sowohl zur Art der Beschreibung als auch zu den in der Literatur beschriebenen Gegenständen eigene und neuartige Ansichten vertrat. Im Gegensatz zu damals verbreiteten Themenkomplexen wie der Dekadenz von Adelsgesellschaften, Langeweile, bürgerlichen Tabus, Liebeleien und Affären, begannen Autoren wie Zola oder Dickens, sich mit den sozialen Problemen der frühkapitalistischen Gesellschaften zu beschäftigen, und begründeten, indem sie sich in ihrem Werk mit Schlechtgestellten in der Gesellschaft beschäftigten, was heute als Stilrichtung des Naturalismus gilt: eben die realistische, ungeschönte Beschreibung von Ungerechtigkeit, Armut, Niedertracht, Schmutz, also des „Bodensatzes“ der damaligen Gesellschaft. Die Lektüre von Zolas Büchern war wohl für viele eine Konfrontation mit dem, was sie ansonsten lieber nicht sahen, und wurde wohl gerade deshalb auch oft als abstoßend, schmutzig und pornografisch empfunden. Besonders in Frankreich, wo ja vor wenigen Jahrzehnten die Revolution stattgefunden hatte, war es wohl für die, die nicht im Elend leben mussten, unangenehm zu lesen, dass es in der Gesellschaft solch widerwärtige Ungerechtigkeit noch immer gab. Und gerade dieser Aspekt ist es, der wahrscheinlich bei der Lektüre seiner Romane noch heute auf den/die LeserIn
die größte Wirkung entfaltet und den meisten Eindruck macht.

bild: commons.wikimedia.org

Zola war dabei in seinem Romanschaffen überaus produktiv: er hat neben zwei kleineren Romanzyklen, „Les trois villes“ aus drei Romanen und dem unvollendet gebliebenen „Les Quatre Évangiles“ den 20 Romane umfassenden Zyklus „Les Rougon-Macquart“, der heute als sein Hauptwerk gilt, geschaffen. Es handelt sich um ein „programmatisches (Werk, indem er) die Verfallsgeschichte einer Familie über mehrere Generationen hinweg schildert und zugleich ein umfassendes Bild der französischen Gesellschaft während des zweiten Kaiserreichs entwirft“ (Kindlers). Sein Roman „Germinal“ etwa ist auch Teil dieses Zyklus: in ihm stellt er Schilderungen des elenden Lebens nordfranzösischer Bergarbeiter neben solche des Lebens der „spießbürgerlichen“ Ingenieure und Aktionäre und arbeitet damit einen Kontrast heraus, indem die soziale Ungerechtigkeit sehr deutlich wird. Explizite Beschuldigungen findet man aber nicht, sondern Beschreibungen der Lebensbedingungen und der Gedanken, die die Menschen bewegen. Aber auch konkrete Gedanken, Theorie und Bewegungen der Zeit tauchen in Zolas Romanen auf:

„Souvarine … sagte halblaut, wie mit sich selbst sprechend:
Die Löhne erhöhen: ist das möglich? Sie sind durch ein ehernes Gesetz mit dem unerlässlich geringsten Betrage festgestellt, mit genau so viel, als notwendig ist, damit die Arbeiter trockenes Brot essen damit die Arbeiter trockenes Brot essen und Kinder machen… Wenn die Löhne zu tief sinken, dann verrecken die Arbeiter und die Nachfrage nach neuen Männern lässt sie wieder in die Höhe gehen. Wenn sie zu hoch gestiegen sind, werden sie durch das stärkere Angebot wieder herabgedrückt… Das ist das Gleichgewicht der leeren Bäuche, die ewige Verdammnis im Bagno des Hungers.
Wenn er sich so vergaß und von Dingen sprach, die ihm als einem unterrichteten Sozialisten geläufig waren, standen Étienne und Rasseneur unruhig da, in Verwirrung gebracht durch seine niederschmetternden Behauptungen, auf welche sie nichts zu antworten wussten.“


(Germinal, Fischer Klassik 2008)

Portraits

Die Rubrik will persönliche Betrachtungen zu verschiedenen Personen und/oder ihrem Werk oder Teilen ihres Werks anbieten. Wir wollen keinen Anspruch auf Korrektheit bis ins letzte Detail erheben; es geht uns vielmehr darum, zu schildern, was uns an diesen Persönlichkeiten gefällt, auffällt, erzählenswert erscheint. Wie ein Maler also, der ein Portrait -nach seinen Vorstellungen- gestaltet.

Louis-Ferdinand Céline
"Ein Umstrittener"

Fjodor Michailowitsch Dostojewskij
"Die andere Seite"

Eduard Graf Keyserling
"Ein beinahe vergesserner Schriftsteller"

Joseph Roth
"Ein Portrait"

Émile Zola
Erzähler vom Menschen, Chronist der Gesellschaft

Ein Umstrittener: Portrait des Louis-Ferdinand Céline

Unser Leben ist eine Reise
Durch den Winter und die Nacht.
Wir suchen was den Weg uns Weise,
Am Himmel, wo kein Stern uns lacht.
(Lied der Schweizer Garden,
dem Buch vorangestellt
)

"Wenn ich nicht derart genötigt wäre, nicht meine Brötchen verdienen müsste, dann, das sag ich Ihnen gleich, dann würde ich das Ganze vernichten ... vor allem die Reise... das einzige wirklich böse von allen meinen Büchern ist die Reise ... Ich verstehe mich .... der heikle Inhalt ..."

(Vorbemerkung Célines zur franz. Ausgabe der "Reise ans Ende der Nacht")

Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) gehört aufgrund seines Lebensweges und seiner Denkansätze wohl zu einem der anfechtbarsten Schriftsteller des letzten Jahrhunderts. Vor allem seine politischen und antisemitischen Ansichten und seine Kollaboration mit den Nationalsozialisten stellen die heute umstrittenen Punkte an seiner Person dar. "Louis-Ferdinand Céline ist kein vergessener Autor, sondern ein verpönter. Wer seine Bücher liest, muss sich rechtfertigen: Wieso lese man einen solchen Antisemiten, einen üblen Faschisten? Wer keinen wissenschaftlichen Grund vorgeben kann, erntet Naserümpfen." (Jan Free auf zeit online)

Célines künstlerische Ansätze sind eigenwillig. Seine, des späteren Arztes, "sachverständigen" politschen und "weltanschaulichen" Ansichten aber noch mehr- oft dilletantisch, übersteigert und manchmal bis ins menschenverachtende hetzerisch. Er äußert sie in Hetzschriften und Pamphleten öffentlich. "Im befreiten Frankreich ist er verhasst. Ein Prozess wegen Landesverrat gegen ihn endet mit einem Schuldspruch. Das Urteil wird aber 1951 im Rahmen einer allgemeinen Amnestie für Kriegsversehrte wieder aufgehoben, und Céline kehrt nach Frankreich zurück. Dort bleibt er aber ein Außenseiter." (Jan Free auf zeit online)

Seine Kunst aber, die Inhalte der "Reise ans Ende der Nacht" wie die Wrt, in der sie geschrieben ist, bewegten -wenngleich sein weiteres literarisches Werk kaum Bedeutung gefunden hat- bereits zu Lebzeiten die literarische Welt. "Stilistisch eine Attacke auf den gesamten französischen Literaturbetrieb, inhaltlich eine Erschütterung des Selbstverständnisses der Moderne. Mehr als 100 Rezensionen widmen sich der Reise, und sogar die kritischen würdigen die innovative Sprache und die aufrüttelnde Wirkung des Werks ... Als einer der ersten französischen Autoren verfasst er die Erzählpassagen seines Romans nicht in der üblichen Hochsprache, sondern benutzt durchgängig die ungeschönten Sprechweisen der unteren Schichten." (Jan Free auf zeit online)

"Seine singuläre Stimme, sein Ton, sein Rhythmus, so Hinrich Schmidt-Henkel, haben der Literatur einen Anstoss, eine Beschleunigung verpasst ... Vor allem aber ist es seine Sprache, die unweigerlich in Bann schlägt ... Céline hat mit seinen Romanen die französische Literatur schlichtweg umgekrempelt ... Für viele Leser ist Céline trotz aller Zwiespältigkeit ein Kultautor, vor allem mit der Reise ... Auch der amerikanische Schriftsteller Philip Roth löst diesen Zwiespalt nicht, er erträgt ihn aber: "Um die Wahrheit zu sagen, mein Proust in Frankreich, das ist Céline! Er ist wirklich ein sehr großer Schriftsteller. Auch wenn sein Antisemitismus ihn zu einer widerwärtigen, unerträglichen Gestalt macht. Um ihn zu lesen, muss ich mein jüdisches Bewusstsein abschalten, aber das tue ich, denn der Antisemitismus ist nicht der Kern seiner Romane." (Hinrich Schmidt-Henkel im Nachwort zu "Reise ans Ende der Nacht")

"Célines Buch ist hoffnungslos: Zwischen Weltkrieg, Kolonialismus, urbaner Vereinsamung und kapitalistischer Ausbeutung verliert der Protagonist jede Vorstellung von Hoffnung oder Glück ... (Philip Roth, ziziert aus dem Nachwort zu "Reise ans Ende der Nacht")

"Vor wenigen Jahren hat Hinrich Schmidt-Henkel Célines ersten Roman neu übersetzt. Bis dahin musste ein des Französischen unkundiger Leser auf eine 1933 angefertigte, entsprechend zensierte gekürzte Verdeutschung zurückgreifen. Erst die neue Bearbeitung wird der gehetzten, dennoch melodischen und illusionslosen Sprache Célines gerecht. Vielleicht setzt sie auch in Deutschland ein langsames Umdenken in Gang, wonach die Lektüre nicht mehr einer Entschuldigung bedarf."
(Jan Free auf zeit online)

Wie ihr bemerkt habt, ist dieses Portrait zum Großteil aus zwei sehr interessanten Quellen zusammengestellt, auf die ich dankbar verweise:

Buch und Quellen

"Reise ans Ende der Nacht" (rororo Taschenbuch 23658, 672 S., Übersetzung H. Schmidt-Henkel, € 13,4 [A])

"Am Ende steht das Irrenhaus"
von Jan Free | © ZEIT online, 5.2.2008

Die andere Seite

Gedanken zum Werk Fjodor Michailowitsch Dostojewskijs

Verhaftung und Verurteilung sowie die Jahre der Haft bedeuten im Leben und Werk Fjodor Michailowitsch Dostojewskijs ganz sicher eine richtungsweisende Wene. Wer verbindet heute noch seinen Namen mit Humoresken? Vor allem in jenen Schaffensjahren vor den Aufzeichnungen aus dem Totenhause sind humorvoll-satirische Aspekte in seinem Werk noch deutlich und in einer gewissermaßen "leichter bekömmlichen Form" vorhanden. In den späten Werken, den berühmten Romanen, geht es, wie man weiß, ernst zu, die Protagonisten ringen mit handfesten Problemen, Gefühlsregungen, Gedanken und Konflikten.

Manche Thematiken, Gedanken und Überzeugungen haben ihn von Anfang an geprägt, haben seinen Weg als Schriftsteller mitgestaltet und zu handfesten Veränderungen in seinem Leben geführt. Soziale Not und wunderliche Charaktere, oft Einzelgänger, sind von Anfang an in seinem Werk vorhanden, was teils sicher den Erlebnissen geschuldet sein mag, die er durch den Berufe seines Vaters -Armenarzt- gemacht hat. Ein hartes Leben hat das Werk dann aber, wie ich finde, mehr und mehr verdüstert, die Auseinandersetzungen, auch aber die satirischen Facetten, ernsthafter und ernsthafter werden lassen.

Ein besonders nettes Beispiel solch einer Humoreske stellt nun Beispielsweise die Erzählung "Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett" dar. Sie ist im Band "Sämtliche Erzählungen" des Piper-Verlages sowie auch als Argon-Hörbuch (Hörprobe online!), gelesen von Dieter Mann, erhältlich.

Weitere persönliche Lieblinge aus seinem Werk sind für mich "Der Doppelgänger-Ein Petersburger Poem", der Roman "Erniedrigte und Beleidigte" sowie die Erzählung "Der Traum eines lächerlichen Menschen", von der ich das Glück hatte, mal ne Bühneninszenierung zu sehen.

Bild: www.wissen-digital.de/literatur

Intention: Wie bei den andern Portraits gilt auch hier: es ist ein persönliches. Ich habe es -Fakten bestreffend (insofern überhaupt wesentliche Fakten darin vorkommen)- nach bestem Wissen geschrieben, aber die eigentliche Absicht und der eigentliche Inhalte sind meine Gedanken zum We

Joseph Roth: Ein Portrait

Joseph Roth wurde im Jahre 1894 in Galizien, dem damaligen Grenzland zwischen der k.u.k. Monarchie und dem russischen Reich, geboren. Im Jahre 1913 inskribierte er im Alter von neunzehn Jahren an der Universität des galizischen Lemberg (Lwow), wechselte aber bereits im zweiten Semester nach Wien. Er und ein Freund waren beide „bei Ausbruch des Krieges Pazifisten. Beide ändern aber [-aus später für ihn nicht wieder nachvollziehbaren Gründen-] ihre Haltung, sie empfinden es als Schande, unnütz in Wien zurückgeblieben zu sein und melden sich freiwillig."(2) Ich würde Roth aber niemals als militant bezeichnen; stets hebt er die Unerbittlichkeit des Krieges hervor, betont stets das Leid, das er bringt. „Die Insassen des Kriegsspitals Numero XXIV [...] waren blind oder lahm. Sie hinkten. Sie erwarteten eine Amputation oder waren bereits amputiert. Weit hinter ihnen lag der Krieg. Vergessen hatten sie die Abrichtung; den Feldwebel; den Herrn Hauptmann; die Marschkompanie; den Feldprediger; Kaisers Geburtstag; die Menage; den Schützengraben; den Sturm. Ihr Frieden mit dem Feind war besiegelt. Sie rüsteten schon zu einem neuen Krieg; gegen die Schmerzen; gegen die Prothesen; gegen die lahmen Gliedmaßen; gegen die krummen Rücken; gegen die Nächte ohne Schlaf; und gegen die Gesunden.“ (5)

Nach seiner Teilnahme am ersten Weltkrieg und nachdem er sein Studium aus finanziellen Gründen abgebrochen hatte, begann Roth für einige neue, kritische, leider aber nur kurzlebige Zeitungen zu schreiben. Er verarbeitete damals in seinen Feuilletons Gedanken, „die“, so Helmut Peschina, „aus dem Geist der Stunde geboren waren.“ (2) Roth lebte und schrieb also zuerst in Wien, dann, ab dem Jahre 1920, in Berlin. 1923 kehrte er wieder nach Wien zurück. Er reiste auch sonst viel herum- außerordentlich viel. Einen „Großteil“, schreibt man in „Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag“ (wahrscheinlich doch etwas aufbauschend), "seines Lebens verbrachte er in Hotels, ohne festen Wohnsitz."(4) Wie viele andere emigrierte Roth 1933 nach Frankreich, wo er bereits 1939, im Alter von 45 Jahren starb.

Werk

Es sind einfache Menschen, von denen Joseph Roth in seinen Romanen, Erzählungen und Feuilletons schreibt, und oft mutet es an, als säße man neben ihm, und er erzähle einem von jenen, die dereinst, in der „alten Zeit“, hier gelebt hatten. In seinen Worten klingt stets tiefe Zuneigung zu seiner Heimat, tiefes Verständnis für alles Menschliche, liebevoller Respekt vor allem Lebendigen an. Sein Stil und seine Themen sind facettenreich; bald ist er Erzähler menschlicher Schicksale, bald aufmerksamer Beobachter der sozialen und politischen Fragen seiner Zeit. Roth ist zeitlebens ebensowenig Verfechter bedingungsloser Neuerung (im Gegenteil, er kritisiert sie sogar scharf) wie Fürsprecher alles Althergebrachten- er ist ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit, dessen Blick stets auf die Menschen gerichtet bleibt.

Wenngleich Roth auch Zeit seines Lebens gewissermaßen „zwischen den Stühlen“ lebte, Cosmopolit war (viele Großstädte Europas waren ihm auch durch seine zahlreichen Reisen bekannt), so blieb er doch stets eng mit seiner Heimat verbunden. Ihn prägten Galizien, Wien, die Monarchie- und schließlich der Zerfall seiner „alten Heimat“, dem „Haus mit vielen Türen und vielen Zimmern, für viele Arten von Menschen“ (1) und jenes Ende der „Alten Zeit“. Seine innige Verbundenheit zum bunten Leben in der Monarchie, zum „Bleibendem im ewig Wandelbaren“ (1) , und sein inniges Interesse für die Fragen seiner Zeit werden in vielen seiner Werke, besonders augenfällig aber in der Erzählung „Die Büste des Kaisers“, deutlich. Immer wieder taucht diese Zuneigung in seinen Büchern auf.

Roth setzt einer untergegangenen Welt, jener von „damals, vor dem großen Kriege“ (3) , mit seinem Werk ein Denkmal. Nie aber fehlt darin auch Kritik an dem, was erstarrt, was morsch und taub war an und in diesem Lande. Die Menschen Ostgaliziens sind ihm immer wieder Sinnbilder für das Zuendegehen, das in-sich-Zerfallen einer Zeit, der „alten Welt“. Hier zeigt sich früh bereits jene Instabilität, die später ganz Europa wie Fieber befallen und von Grund auf verändern sollte. In dieser armen Gegend sieht man lange vorher, "weitab von den prachtvollen Fassaden", das große Gefüge bröckeln.

Radetkymarsch
Quelle: http://www.vienna-life.com/media/pics/radetzky-march-joseph-roth.jpg

Wohlgemerkt- Joseph Roth war aber keiner, der den Untergang der Monarchie prophezeite; vielleicht ahnte er selbst nicht, was passierte, welche Bedeutung die Jahre des Krieges schließlich bekommen sollten. Das „neue Europa“, wie ich es nennen möchte, jenes des Friedens und des Wohlstands, lernte er nie kennen. Er starb 1939 im Alter von 45 Jahren. So muss es also für ihn gewesen sein, als ob etwas stabiles zerfalle und nie wieder zur Ruhe komme. Der erste Weltkrieg blieb für ihn immer der „gewaltigste aller Kriege“(1), der eine ebenso gewaltige Wende bedeutete .

Wenige jener bedingungslosen Neuerungen, jener oft unkontrollierten, auch unfreiwilligen („Denn es ist einer der größten Irrtümer der neuen- oder wie sie sich gerne nennen: modernen- Staatsmänner, dass das Volk (die “Nation“) sich ebenso leidenschaftlich für die Weltpolitik interessiert wie sie selber.“ (1) ) Modernität kommt in seinen Berichten ungeschoren davon: Kanzler Renner, der hinter einem neuen großen Zaun in einem „schmucken Pavillon“ im Hofpark, „fern vom Lärm des Tages“, arbeitet; die drastische Radikalität „ehrgeiziger und rebellischer Weltverbesserer“; das „hohle Pathos der Revolutionäre“ (2). Auch den „zeitkritschen“ Literaturbetrieb scheut er nicht zu parodieren. „Es gibt da ein paar ganz besonders strenge Lehrer, in unserer Schule heißen sie Kritiker. Manche sind zwar nicht ohne Humor, aber ihr Pflichtbewusstsein ist doch stärker entwickelt. Am meisten fürchte ich mich vor jenen, welche die Lehrfächer: Weltanschauung, Aktualität, Gesinnung und Weltveränderung unterrichten. (...) Am strengsten sind die Lehrer der Fächer: »Neue Zeit« und »Gegenwart«.(...) Sie leben in der kurzsichtigen, ja wahnwitzigen Überzeugung, sie würden, weil sie sprechen auch gehört und, weil sie schreiben, auch gelesen. (...) Sie halten mich für einen Spötter. (...) [Aber es ist] kein leichtfertiger Irrtum, zu glauben, dass die entscheidenden, weil zahlenden Menschen vor allem etwas von Börsenberichten halten und gar nichts von literarischen, mögen diese auch in der nächsten Nachbarschaft jener gedruckt werden. Und es ist, glaube ich, eine vergebliche Anstrengung unserer Lehrer, der Zeit zu sagen, was sie braucht, und der Welt, wodurch sie sich verändere. Die Welt hört sich nicht, die Zeit wandelt sich nicht. Sie braust nur dahin.“(4)

Vor allem aber schreibt er, die „neuen“ Werte (oder deren Fehlen) aufs äußerste in Frage stellend, gegen jene „Gesellschaft, die in allen Hauptstädten der allgemein besiegten europäischen Welt (...) mit satten und dennoch unersättlichen Mäulern das Vergangene lästerte, die Gegenwart ausbeutete und das Zukünftige preisend verkündete.“ (1) „Um den Sieg dieser [satten und unersättlichen Gesellschaft] vorzubereiten, waren Hundertausende unter Qualen gestorben.- und Hunderte durchaus ehrlicher Sittenprediger hatten den Untergang der Monarchie vorbereitet, ihren Zerfall herbeigesehnt und die Befreiung der Nationen! Nun aber, siehe da: Auf dem Grabe der alten Welt und rings um die Wiegen der neugeborenen Nationen und Sezessionsstaaten tanzen [jene] Gespenster der American Bar.“ (1) Was er hier mitansehen muss, schmerzt ihn ebenso wie das Leid der Armen.

Von ganz anderer, weniger traurig-spöttisch-kopfschüttelnder als besorgter Art sind seine Beobachtungen einer ganz anderen Entwicklung: Bereits 1923 betont er im Roman „Das Spinnennetz“ warnend jenes Phänomen des immer stärker hervortretenden Rechtsradika-lismus. In seinem Roman sind es Enttäuschung und Desillusionierung, Armut und Perspektivlosigkeit, die in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg einen jungen deutschen Leutnant (wie so viele andere auch) zu willigen Mitläufern machen.
Unablässig betont Roth stets die Vielfalt als Vorteil. Gesinnung und Einheit- und vor allem einheitliche Gesinnung – sind für ihn äußerst bedenkliche Entwicklungen.

Während im Rest Europas solche solche oder ähnliche Tendenzen entwickelten, blieb Galizien für ihn lange Zeit jene alte, kleine „Filiale der großen Welt, mit vielen Sprachen, vielen Gesinnungen“. 1924 reist er nachn Lemberg. Er schreibt in Artikeln über diese Reise: „Hier hörte man immer Deutsch, Polnisch, Ruthenisch. Man spricht heute Polnisch, Deutsch und Ruthenisch. In der Nähe des Theaters, das am unteren Ende die Straße abgrenzt, sprechen die Menschen Jiddisch. Immer sprachen sie so in dieser Gegend. Sie werden wahrscheinlich niemals anders reden.
Gegen diese Vielsprachigkeit wehrt sich das neugestärkte durch die jüngste Entwicklung der Geschichte gewissermaßen bestätigte polnische Nationalbewusstsein- mit Unrecht. Junge und kleine Nationen sind empfindlich. Große sind es manchmal auch. Nationale und Sprachliche Einheitlichkeit kann eine Stärke sein, nationale und sprachliche Vielfältigkeit sind es immer. In diesem Sinn ist Lemberg eine Bereicherung des polnischen Staates. (...) Die Stadt ist ein bunter Fleck (...) . Ich wüsste nicht, wem das schaden könnte.“

Roth schaut auf die kleinen Dinge, in denen sich doch auch so oft Hoffnung und Schönheit verstecken. Er schildert ungewöhnliche, für das Leben dort aber so typische Begebenheiten (mit denen ich nun auch schließen möchte), und man hört ihm an, dass er sich darin heimisch fühlt: „Ich sah einen Oberleutnant mit vielen Kriegsauszeichnungen und bunten Bändchen an der Brust. In der Hand trug er ein Glas »Eingemachtes«. Seiner Frau hielt er den Marktkorb. Dieser Kopfsprung ins Ewig-Menschliche, ins Private, ins Häusliche versöhnt mit den kriegerischen Wolken aus Sporenklang und Ordensglanz. In anderen Städten trägt ein »Bursche«, drei Schritte hinter den Herrschaften Oberleutnants, das Eingemachte. Manchmal ist es gut zu sehen, daß ein Oberleutnant ein Mensch ist.“ (4)

Einige Empfehlungen aus dem Werk Joseph Roths:

"Der Leviathan" in "Der Leviathan"- Erzählungen; KiWi paperback

"Die Büste des Kaisers" in "Der Leviathan"-Erzählungen; KiWi paperback

"Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag"- Ein Leben in Selbstzeugnissen; KiWi paperback

"Kaffeehaus-Frühling"- Ein Wien-Lesebuch, herausgegeben von Helmut Peschina; KiWi paperback

"Das Falsche Gewicht"- Roman; KiWi paperback

"Hiob"- Roman; KiWi gebunden oder dtv Taschenbuch

"Radetzkymarsch"- Roman; KiWi gebunden oder dtv Taschenbuch

"Die Rebellion"- Roman; KiWi paperback

„Radetzkymarsch“- Verfilmung des Romans nach Joseph Roth; Regie: Michael Kehlmann; erhältlich in: Edition Der Standard / Der österreichische Film: #37
Brüder im Geiste

Manés Sperber

Stefan Zweig

Alexander Lernet-Holenia

Hermann Broch

Alfred Polgar

Heimito von Doderer
Zitate
(1) aus: „Die Büste des Kaisers“ (s.o.)
(2) aus: „Kaffeehausfrühling“ : Vorwort (s.o.)
(3) aus: „Radetzkymarsch“ (Verfilmung, s.o.)
(4) aus: „Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag“ (s.o.)
(5) aus: „Die Rebellion“ (s.o.)

Intention: Wie bei den andern Portraits gilt auch hier: es ist ein persönliches. Ich habe es -Fakten betreffend- nach bestem Wissen geschrieben, kann aber mich aber für deren Richtigkeit nicht verbürgen. Die Absicht dieses Portraits und sein eigentlicher Inhalte sind meine Gedanken Joseph Roth und s
seinem Werk.

Ein beinahe vergessener Schriftsteller

Kurzportrait Eduard Graf von Keyserlings

Im Mai 1855 wurde auf Schloss Padern im Baltikum ein Mann geboren, der etwa 150 Jahre später als "einer der Besten (...) der Fin-de-siècle-Literatur" von großen Verlagen wie Insel, dtv oder Ullstein mit folgenden Worten beschrieben werden würde: "Er gilt als einer der wenigen bedeutenden impressionistischen Erzähler", der uns, indem er "die ihm vertraute Welt des baltischen Adels" und "das Lebensgefühl einer für die Zeit der Jahrhundertwende typischen Dekadenz" nachzeichnet, "seine Welt: ihren Untergang und ihre große Schönheit" schildert. Verstorben im Jahre 1918 in München ist der große, wenn auch vielleicht unscheinbare Erzähler Eduard Graf von Keyserling heute aber leider doch eher vergessen denn präsent.

Die Zitate im obigen Text entstammen den Klappentexten der folgenden Bücher (die damit gleichzeitig auch gleich empfohlen werden!):

- Eduard v. Keyserling: Wellen (Insel)
- Selbiger: Fürstinnen (dtv)
- Selbiger: Schwüle Tage (dtv)
- Selbiger: Dumala (Ullstein)

"Wellen" wurde übrigens auch in der ersten Bücherreihe der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. "Schwüle Tage" ist außerdem um knapp 8€ als Hörbuch erhältlich.

Intention: Wie bei den andern Portraits gilt auch hier: es ist ein persönliches. Ich habe es -Fakten betreffend (insofern überhaupt wesentliche Fakten darin vorkommen)- nach bestem Wissen geschrieben, aber die eigentliche Absicht und der eigentliche Inhalte sind meine Gedanken zum Werk des Autors.

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Dies ist das Blog einer Gruppe von Leuten, die gerne lesen, plaudern und anregende Gespräche in angenehmer Gesellschaft schätzen. (mehr ...)

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Hie und da stellen wir hier auch Hinweise auf aktuelle Veranstaltungen in Wien zur Verfügung!

Anderes

Hier einige nette Geschichten, Anekdoten und Zitate

Feuilleton à ma façon

Einige eigene oder geschätzte Lyrik und Prosa haben wir hier für euch gesammelt

Wien in Bildern:
Die Spaziergänge

Portraits zum Leben geschätzter Persönlichkeiten

Humor, ob bissig oder bescheiden:
Die Phänomene!

Ergebnisse kurz- zeitiger Klarheit und Auffassungsgabe: "Angedacht"

appetizers

Weltcaf-abends

Neue Beiträge und Kommentare

Lass die Vergangenheit...
Lass die Vergangenheit doch ruh´n, mein Freund,...
Tarass - 13. Dez, 10:15
Décadence, Siechtum...
... dem Absinth verfallen sind: Charles Baudelaire,...
Tarass - 30. Nov, 20:47
marx reloaded
Karl Marx/Friedrich Engels Studienausgabe Bd. V "Prognose...
Tarass - 24. Nov, 06:45
Besprechungen von A-Z
Alle Besprechungen, ganz klassisch nach Aktualität,...
Tarass - 24. Nov, 06:43

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