"Ehemals hatte er überhaupt keinen Namen. Keine Firma. Er war zwar kein Niemand. Aber ein Irgendwer. Ein Würstelverkäufer. Ein Gattungsexemplar. Heute hat er sogar einen Titel. Mehr: eine Schutzmarke. Noch mehr: Popularität. Er übersprang jene Stufe auf der Leiter eines Würstelverkäuferlebens, auf der man seinen Namen auf ein Schild malt. Aus einem Würstelverkäufer wurde er- aus Hochachtung möchte ich sagen: ward er, also ward er ein Sacher. Ein kleiner zwar, aber ein Sacher. Das nenn ich Karriere.
Der kleine Sacher besteht aus drei Hauptteilen: Da ist zuerst ein Wagen, dann eine Frau, dann er selbst. Der Wagen hat die Höhe eines Wächterhäuschens und steht auf einem Rädergestell. Man sieht es dem Wagen an, dass er sich aus einem Karren emporentwickelt hat. Im Anfang waren die Räder. Jetzt sind sie immer noch da. Die Frau ist groß, schlank, blondhaarig, blauäugig. Eine etwas billige Germaniakopie. Ein viereckiger Ausschnitt in der Wagenwand- das Fenster- faßt ihre Besonderheit ein. Sie nimmt die Bestellungen der angestellten Kundschaft entgegen und erteilt ihrem Mann Aufträge. Der kleine Sacher selbst schielt. Das ist wichtig. Andere Wurstzeughändler schauen geradeaus und gehen dabei zu Grunde. Der kleine Sacher aber vermochte sich alle seine Vorteile zu erschielen. Ich hätte die ganze Geschichte nicht erzählt, wenn nicht folgendes passiert wäre:
Zwischen jugendlichen Schieberaspiranten stand ein Mädchen vor der Bude und biss in eine saure Gurke. Sie kostete zwei Kronen. Als sie bezahlen sollte, ergaben sich Komplikationen. Sie kramte in ihrem Täschchen. Etwas lange. Es war nur ein Fragment eine Einkronenscheines darin, mühsam zusammengepickt. Und achtundneunzig Heller in Barem. Ich sah nicht recht, aber ich glaube, es schimmerte eine Träne in ihrer Stimme, als sie sagte:
Zwei Heller gebe ich ihnen morgen.
Worauf der kleine Sacher zwei große, prachtvolle saure Gurkenexemplare in die "Kronenzeitung" steckte und sie dem Mädchen gab.
Sie zahlen mir morgen! sagte er.
Nichts weiter.
Das Mädchen ging. Und ich wußte: Der kleine Sacher schielt sozusagen mit dem Herzen ..."
Josephus, 1919
Gekürzt aus:
Joseph Roth, Helmut Peschina
"Kaffeehaus-Frühling- ein Wienlesebuch"
KiWi Taschenbuch, €6,20 [A]