Empfehlenswerter Lesestoff

Montag, 7. Juli 2008

Leo Perutz: Nachts unter der steinernen Brücke

Pragbruecke
Foto (bearbeitet): flickr.com, goodbyekitty

Leo Perutz Roman "Nachts unter der Steinernen Brücke" erzählt von der geheimnisvollen Welt des spätmittelalterlichen Prags. Die Stadt ist Residenz des Heiligen Römischen Reiches. Am Fusse der Burg liegt alte Judenstadt. Daraus schuf Perutz ein kunstvolles Werk über eine "zaubervolle versunkene Welt (dtv)", "glaubhaft bis ins kleinste historische Detail" (F. Torberg) und durchzogen von einem "komplexen Geflecht aus Liebe, Schuld und Sühne"(dtv). Anfangs mag der Roman etwas befremden: jedes Kapitel gilt als eigene kleine Novelle, hat eigene Protagonisten. Je weiter man aber liest, desto mehr wird deutlich: der Roman ist kunstvoll gewoben aus diesen einzelnen (scheinbar unzusammenhängenden) Geschichten, die alle um eine geheimnisvolle Mitte kreisen.

Perutz entlehnt der Stoff des Romans dem Gesehenen, kraftvoll Erlebten wie ebenso der "Geschichte, der Sage und Legende Prags"(1), und schreibt voll Faszination und Zuneigung über das Leben, das dereinst die Stadt bevölkerte. Er verwebt im Epilog schließlich sogar Erlebtes mit Erdichtetem, Eindrücke aus Prag mit den lyrischen Inhalten seiner Novellen (2): "Um die Jahrhundertwende, zu der Zeit, als ich fünfzehn Jahre alt und Schüler des Gymnasiums war- ein schlechter Schüler, der dauernd Nachhilfe benötigte- sah ich die prager Judenstadt zum letztenmal, und in meiner Erinnerung lebt sie, wie sie sich damals mir zeigte."(3)

Das Buch ist also nicht nur ein Bildnis der alten Prager jüdische Kultur, sondern es ist- zwischen 1943 und 1951 vollendet- schließlich auch ein "Bild einer Epoche, deren Kultur erst [zu dieser Zeit] unwiderruflich endete."(1)
(1.) Hans-Harald Müller im Nachwort
(2.) Leo Perutz wurde 1882 in Prag geboren und siedelte 1899 mit der Familie nach Wien über (dtv)
(3.) Epilog des Romans
Katrin Bock (Radio Praha): Die Geschichte der Prager jüdischen Gemeinde

Donnerstag, 26. Juni 2008

John von Düffel: EGO

Muskel

Ein Turbo-Egoist im Fitness- und Karrierewahn:
Jeden Morgen steht er vor dem Spiegel und mißt seine Bauchnabeltiefe. Jeden Abend modelliert er im Fitness-Studio seinen Muskelpanzer: immer auf dem Weg zur »Alpha-Anatomie«. Brusthaar rasieren oder nicht – das ist die Frage, die unserem Helden nachts den Schlaf raubt. Philipps Leben bewegt sich zwischen Diät und Dauerflirt, Trizeps und Transatlantikflügen. Mit Körper und Karriere, Frauen und Erfolg jongliert er meisterhaft. Diesem Solisten ist nichts wichtiger als Wirkung.“ (dtv)
Der für mich interessanteste Aspekt von John von Düffels „EGO“ war das ständige Eifern um Perfektion, um´s Gesehen-werden. Der Stil- ein einfacher, wie ich finde, ohne Besonderheiten oder große Höhepunkte. Der angenehme Nebeneffekt- man kriegt auch Lust, was für seinen Körper zu tun. Das Manko- der athletische Einstieg, der dann zur ständigen Wiederkehr von Stairmaster und Aufbaunahrung in unterhaltsamen, leider aber auch eintönigen Monologen mutiert.

Dann aber, im Nachhinein, dämmerte es mir herauf, dass John von Düffel hier ja vielleicht den Leser selbst mal "absolut Athlet" sein lässt, ihm kurzerhand die Staffel in die Hand drückt und ihn am Dauertraining und immergleichen Lebensmarathon seines Protagonisten teilnehmen lässt. Ja- vielleicht ist´s wirklich Absicht, dass man sich gerade durch dieses Buch mit Ausdauer durchbeissen muss. Es wird im Nachhinein dadurch besser verständlich.

Etwas Abwechslung gibt´s dann aber nach dutzenden Seiten auch: Dialoge!- Nicht übertönt durch physiologische und karrieretechnische Monolog-Gedankenfluten. Zwei Menschen setzen sich da plötzlich wirklich miteinander (-und nicht nur mit sich selber, wie bisher gewohnt-) auseinander!
Gut so. Denn für den schlichten "Lesegenuß" ist es wahrscheinlich doch die ewig einseitige Perspektive, die „EGO“ nach wenigen Kapiteln einschlafen lässt.
EGO
Roman von John von Düffel

Dienstag, 17. Juni 2008

John Knittel: Via Mala

via-mala
Foto: rasmus99, flickr

Die "Vorgeschichte" ist in John Knittels Roman ein gewiss wichtiger Teil. Sie nimmt das gesamte erste Buch ein. Hier wird die missliche Lage der Familie Lauretz beschrieben, die, hoch oben in den Bergen, an der Via mala, in einer Sägemühle wohnt. Dort ist kaum Licht, alles ist feucht, und die Schmelzwasser der Gletscher rauschen brausend durch das Flussbett der Yzollo am Hause vorbei talwärts. Dazu kommt noch der Lärm der alten Säge, die kaum die Nacht über stillsteht, und an der von früh bis spät Sohn Niklaus und der Tagelöhner Jöry arbeiten. Das wirkliche Leid bedeutet denen dort oben- den Geschwistern Niklaus und Mannli, der Hanna, der Silvelie, ihrer Mutter, dem Schnufi und auch dem Jöry- nicht das raue Leben, sondern der grausame Vater in ihrer Mitte. Unten im Tale irgendwo treibt er sich herum, der alte Sägemüller Jonas Lauretz, in Wirtsstuben oder bei irgendwelchen ehrlosen Weibern. Immer wieder aber kehrt er zurück, der stämmige alte Säufer, und lässt seine Familie unter seiner unglaublichen Bosheit, unter seinen Schlägen, Beleidigungen, unter seiner Habgier und brutalen Autorität leiden. Nichts als Bosheit kann man in ihm entdecken, und über all die Untaten lacht er den leidenden Menschen nur ins Gesicht.

Dennoch -die Schilderungen all dieser Begebenheiten in den düsteren und lebensfeindlichen Gegenden der Graubündener Bergwelt klingen, wenngleich sie auch meist atmosphärisch sehr dicht sind, dann doch um einen Gutteil spannender, als sich das erste Buch dann tatsächlich liest. Lesefluss und Interesse kamen mir wieder und wieder ins Stocken. Der Grund dafür ist, wie mir scheint, dass die Geschichte um den alten Säufer und Gotteslästerer schlicht ziemlich breitgeredet wird. Obgleich doch schließlich Alles in einen Punkt gipfeln soll, schienen mir während dem Lesen weder ein Ende noch grosse Abwechslung absehbar zu sein. Hätte ich nicht gewusst, was mir folgender Klappentext verriet, mir wäre wohl die Motivation abhanden gekommen:

"Jonas Lauretz, Sägemüller an der Via Mala, wird von seiner Familie ermordet und verscharrt. Der Trunkenbold hatte Frau und Kinder lange Zeit auf unerträgliche Weise schikaniert. Die Leiche bleibt verschollen und das Verbrechen unaufgeklärt - bis der Anwalt Andreas von Richenau Jahre später über die Akten des Falles stolpert. Was passierte damals wirklich? Bei den Recherchen kommt Richenau der schrecklichen Familientragödie auf die Spur - und muss entsetzt feststellen, dass seine eigene Frau eine der beiden Töchter von Lauretz ist ... "

Wie auch immer sich aber der erste Abschnitt liest - mit dem zweiten Buch kommt dann doch Alles recht ordentlich in Fluss, das Interesse erwacht, und man legt Seite um Seite viel müheloser zurück - so zumindest ist es mir ergangen. Die Düsternis hebt sich wie der Vorhang einer Bühne- und die Dinge stehen in neuem Licht da, neue Charaktere treffen auf alte, und man fragt sich mit Spannung: Was wird wohl passieren, wenn Vergangenes ans Licht kommt? Alles in allem ist also "Via mala" für mich doch ein empfehlenswertes Buch mit sehr interessanter Geschichte.
John Knittel: Via Mala; Roman, erhältlich in den Fischer Verlagen

Bilder der Via mala-Schlucht

Sonntag, 8. Juni 2008

Berenices Buchrezension (5)

Titel: Die geschenkte Nacht
Autor: Rana Dasgupta
Gekauft weil: Das Cover mein kindliches Gemüt angesprochen hat

Zum Autor: Rana Dasgupta wurde 1971 in Canterbury geboren. Er studierte in Oxford französische Literatur und Medienwissenschaften und hat schon in verschiedensten Ländern gelebt. Heute arbeitet er als freier Autor in Neu-Delhi. Mit seinem Debütroman „Die geschenkte Nacht“ kam er auf Anhieb in die Top Ten der indischen Bestsellerliste.

Der Inhalt: „Die geschenkte Nacht“ handelt von 13 Menschen, die für eine Nacht auf einem Flughafen festsitzen. Nacheinander erzählt jeder eine Geschichte.

Meine Gedanken zum Buch: Das Lesen dieses Buches hat sich ziemlich in die Länge gezogen. Zum einen hat mich der Schreibstil nicht wirklich begeistert, zum anderen fand ich die Geschichten nicht spannend. Dasgupta versucht in seinem Buch Geschichten wie aus 1001 Nacht in der Gegenwart spielen zu lassen, was am Anfang recht befremdlich wirkt, an sich aber eine gute Idee wäre.
Eine Sache gibt es, die mich doch ziemlich gestört hat und das ist, dass ich das Gefühl habe, dass er die Geschichten fertig geschrieben hatte und die Rahmenhandlung mit den 13 Menschen im Nachhinein schnell und ohne Motivation geschrieben hat.
Alles in allem würde ich nicht empfehlen dieses Buch zu kaufen, sondern es eher auszuleihen.

Sonntag, 1. Juni 2008

Berenices Buchrezension (4)

Titel: Der Wolkenatlas
Autor: David Mitchell
Gewünscht weil: Sich der Inhalt interessant angehört hat.

Zum Autor: David Mitchell wurde 1969 in Southport, Lancashire geboren. Nachdem er in Komparatistik promoviert hatte, lebte er ein Jahr in Sizilien und zog dann weiter nach Japan. Dort unterrichtete er an der Universität von Hiroshima. Er hat eine Frau und eine Tochter und lebt nach mehreren Jahren in Irland heute wieder in Japan. „Der Wolkenatlas“ war ein internationaler Bestseller. Seine weiteren Romane sind „Chaos“ und „Der dreizehnte Monat“.

Der Inhalt: Im Wolkenatlas werden sechs Leben geschildert, die sich eigentlich nicht kreuzen können, jedoch etwas gemeinsam haben und in Zusammenhang stehen. Zu den Protagonisten gehören zum Beispiel ein Anwalt im Jahr 1850 der Ozeanien erforscht, ein britischer Komponist und ein koreanischer Klon.

Meine Gedanken zum Buch: Zuerst möchte ich etwas über den Aufbau des Buches sagen. Es werden nacheinander die sechs Geschichten begonnen und dann in der entgegengesetzten Reihenfolge wieder beendet. Ich habe mir damit am Anfang ein bisschen schwer getan, weil man immer in einer Geschichte gefangen war und plötzlich mittendrin mit einer neuen anfangen musste. Teilweise wollte ich am liebsten vorblättern und das Ende sofort lesen. Schlussendlich kann ich aber sagen, dass dieser Aufbau das Buch sehr gut abrundet und außerdem originell ist.
Die einzelnen Geschichten selbst sind nett zu lesen und wurden auch in einem größeren Zusammenhang geschrieben.

Mittwoch, 14. Mai 2008

Ein junger Meister

Carl-Haffners-LiebeNicht nur Schachliebhaber (ich bin ja selbst keiner) wird Thomas Glavinic´ Roman "Carl Haffners Liebe zum Unentschieden" zu fesseln vermögen. In kraftvollen und lebendigen Schilderungen führt der junge Wiener Autor auf knapp 200 Seiten viele wunderbar spannend gezeichnete Figuren im Rahmen der Schachweltmeisterschaft Wien/Berlin von 1910 zusammen. Die Handlung des Romans ist historisch an das wirkliche Ereignis angelehnt.

Im Mittelpunkt steht die Figur Carl Haffners -des zurückhaltenden "Meisters des Remis" wie des unaufdringlichen und bescheidenen jungen Mannes-, steht dessen Lebensgeschichte, sein Zusammentreffen mit einer jungen Frau, vor allem aber auch sein Aufeinandertreffen auf den vielmaligen deutschen Schachweltmeister Emanuel Lasker. Im "nervenaufreibenden Kampf bündeln sich die Kräfte zweier Persönlichkeiten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten" (dtv), bis schließlich der junge Haffner sich gegen den als unbesiegbar Geltenden zum Angriff wendet...
Doch da der junge Meister nun das für ihn so untypische Spiel auf Sieg wagt muss er seine Lage -auf dem Schachbrett wie in seinem Leben- neu bedenken. Ihm stellt sich die Frage zwischen Verweigerung und Kampf. Mit seiner Unschlüssigkeit kommt gleichsam Unruhe über den jungen Mann und sein Spiel ...

Mein Eindruck: ein sehr empfehlenswertes Stück Lesegenuss!

Dienstag, 29. April 2008

Im Breslau der zwanziger Jahre

Breslau
Foto: szogun000, flickr

Der Kalenderblattmörder
Kriminalroman von Marek Krajewski

Mitten im Breslau der "sehr wilden zwanziger Jahre" (Focus), mitten in einem Sprawl aus Kriminalität, Resignation und Exzess handelt Marek Krajewskis Kriminalroman "Der Kalenderblattmörder". Leitende Polizeibeamte und Hauswarte, Aristokraten und Kasinobesitzer, Puffmütter und Prostituierte- sie alle vereint in diesem Buch eines: ihre Verwurzelung in der von Verbrechen durchzogenen Halbwelt Breslaus. Im Kalenderblattmörder klingt Rechtschaffenheit in all den "facettenreichen Figuren" (M.v.Schwarzkopf im NDR) nur an, nur leicht, bereits zersetzt, bereits zum Großteil aufgesogen von Brutalität und Feindseeligkeit.

"Die Welt brannte lichterloh, Liebende bissen einander die Lippen ab, treulose Ehefrauen betrogen ihre Männer in Badehäusern, musisch begabte Blondinen mit sanften Kinderstimmen knieten vor verdorbenen Aristokraten, und Freunde verrieten die wahre Freundschaft. Die Welt brannte, und Lukretz, der einst das Feuer besang, nahm irgendwelche Drogen, die ihn attraktiver für seine Geliebte machen sollten - Drogen, die ihn schließlich in den Wahnsinn trieben. Die Welt brannte, und die gleichgültigen Götter saßen apatisch, ohne Sinn und Zweck, in ihren luxuriösen Zwischenwelten.
Mock holte seine Walther aus der Innentasche und drückte sie an Smolorz vom Schnee feuchten Haare. Dieser drehte sich mit dem Gesicht zur Wand. Mock entsicherte die Waffe."
(Auszug aus dem Buch)

Wer im "Kalenderblattmörder" liest, der wird inmitten der düsteren Halbwelt-Atmosphäre keinen der üblichen Kommissare vorfinden- denn Marek Krajewski legt seinen Lesern mit dem Protagonisten Kriminalrat Mock eben auch einen Antihelden vor, der bösartiger und kontroverser nicht sein könnte. Der wird in derber Sprache von Resignation und Verrohung, von Abstumpfung und Trunksucht, von Mißhandlung und Gewalt lesen. Den wird all diese Rohheit womöglich abstoßen. Und dennoch!- Den wird wahrscheinlich trotzdem all die Rätselhaftigkeit und atmosphärische Tiefe an dieses Buch, an dieses düstere Stimmungsbild fesseln.
Mein Eindruck: lesenswert!

Donnerstag, 17. April 2008

Im Zauberberg (ergänzt)

Ursprünglicher Beitrag, vom 21.2.08

Als ich mir den Zauberberg als Buch kaufte hatte ich zuvor einen Satz gelesen, in dem der Roman quasi als Entwicklungsroman bezeichnet wird. "Hans Castorps Geschichte", so lautet der Satz, "ist die Geschichte einer Steigerung: ein simpler Held wird in der fieberhaften Hermetik des Zauberbergs zu moralischen, geistigen und sinnlichen Abenteuern fähig gemacht, von denen er sich früher nie hätte träumen lassen." Dieser Satz stammt vom Autor selbst.

Ich konnte mich aber mit dieser Ansicht dennoch nie anfreunden, und verstanden habe ich sie -bezogen auf den Roman- auch nicht. Ich habe bisher, da ich etwa bis zur 300 Seite gelesen habe, noch nichts von der "Geschichte einer Steigerung" bemerkt. Mag sein, dass diese Begriffe für Thomas Mann eine völlig andere Intensität hatten, als sie es für mich haben. Sein Satz jedenfalls löste bei mir die Erwartung an eine Geschichte wie "Unterm Rad" oder "Narziss und Goldmund" aus, und erwartete mir auch etwas ähnliches, ähnlich Ereignisreiches.

Der Zauberberg ist jedoch völlig anders beschaffen, und so war ich auch einige Zeit unschlüssig darüber. Und fragte mich: Wo liegt denn nun die Entwicklung? Der Satz hatte mich verwirrt.

Nun aber las ich einen neuen Text, mit dem ich viel mehr übereinstimme. Darin wird, im historischen Kontext, deutlich zu machen versucht, dass im Zentrum des Romans nicht Entwicklung, sondern vielmehr Stagnation steht. Der Zauberberg, diese Welt der "Zeitentrückten", zieht alle in seinen Bann. Ich denke, dass dieser Gedanke als Vorwissen zur Lektüre durchaus wertvoll sein kann, um die rätselhafte Stimmung auf dem (oder "im") Zauberberg und die "da oben" besser zu begreifen.

Denn die "da oben" leben in Stagnation dahin. Sie alle da oben sind "krank, alle verurteilt", schreibt der Literaturhistoriker Hans Mayer. "Der Zauberberg enthält in der Fülle seiner Gestalten den Querschnitt durch die bürgerliche Gesellschaft der Vorkriegszeit in all ihren Tendenzen und Ausprägungen." Und Stagnation ist ja irgendwie auch eine Art oder eine Facette des Krankseins und Sterbens.

Letztendlich also ein Roman von Tod und Krankheit? Die Beschreibung einer moribunden Gesellschaft? Sicherlich ja. Letztendlich aber, und hier ging mir das Lichtlein auf, auch ein Roman vom Leben. Denn am Anfang und am Ende des Zauberbergs stand da jener erste große Krieg.
Am Ende deshalb, weil mit diesem Donnerschlag der Krieg begann, und die Welt von damals unterging.
Am Anfang deshalb, weil dieser "weltverändernden Schlag", der "eine Epoche endete" (und somit auch den sieben Jahren Hans Castorps auf dem Zauberberg ein Ende macht), "uns", so Thomas Mann, "die Augen dafür [öffnete], dass wir fortan nicht würden leben und dichten können wie bisher." Und so könnte man annehmen, dass der Roman uns beschreibt, wie im Ende einer moribunden Gesellschaft (Epoche), in Krankheit und Moribidität auch gleichsam Hoffnung auf den Anfang von etwas Neuem liegt. Letztendlich also vielleicht auch ein Roman vom Leben, "geht es [doch auch] darum, mag Castorp untergehen, dass neue Generationen, die nicht mehr krank sind, bewusste Parteigänger des Lebens werden, statt solcher der Krankheit und todessüchtigen Nacht." (Hans Mayer)

Aber ja, was ich hier schreibe ist eine Facette, und der Zauberberg, da ist man sich einig, ist ja reich an solchen! Vielleicht wird sich mir auch die Steigerung im weiteren erschließen!

Als Grundlage für diesen Teil des Beitrages diente das Essay "Der Zauberberg als Hörspiel" von Herbert Kapfer im Booklet des neuerschienenen Hörspiels.


Ergänzung des Beitrages, am 17.4.2008

"Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen im Hause >Berghof<, ein Geist, [...] Dämon.

[...]

Seit dem exzentrischen Ende von Hans Castorps Verbindung mit einer Persönlichkeit und seit Clawdija Cauchats neuerlichem aus der Gemeinschaft derer hier oben seit dieser Wende schien es dem jungen Mann, als sei es mit Welt und Leben nicht ganz geheuer, als stehe es auf eine besondere Weise und zunehmend schief und beängstigend darum, als habe [der] Dämon die Macht ergriffen, der zwar lange schon beträchtilichen Einfluß geübt, jetzt aber seine Herrschaft zügellos offen erklärt habe, der Dämon dess Name der große Stumpfsinn war. " Nein, das kann kein gutes Ende nehmen. Dieses ewig sorg- und hoffnungslose Leben. Dieses Leben ohne Zeit, dieses tote Leben. Das muss notwendigerweise zu einer Katastrophe führen."


Der Zauberberg beschreibt so schließlich in aller Gedehnheit eine Entwicklung hin zur Leere. Alle dort entdeckte Freiheit des jungen Mannes erstirbt in in der Sinnlosigkeit der endlos gleichen Tage.

"Noch einmal hören wir Hofrat Behrens Stimme. Horchen wir gut hin, wir vernehmen sie vielleicht zu letzten Mal. Einmal endigt selbst diese Geschichte. Sie hat die längste Zeit gedauert, oder vielmehr - ihre inhaltliche Zeit ist derart ins Rollen gekommen, dass kein Halten mehr ist, dass auch ihre musikalische zur Neige geht [...].

Textausschnitt (kursiv): erster Absatz entnommen dem Romane (Fischer-Verlag 2004), zweiter und vierter der Hörspielbearbeitung (der hörverlag, 2000), beide dem Kapitels "Der große Stumpfsinn" - einem der letzten Kapitel, nahe bereits dem Donnerschlag.


2 Ergänzung des Beitrages, am 23.4.2008:
Über das Ende


Im Schluss relativiert Thomas Mann die Bedeutung, die Hans Castorp in der Geschichte zukommt, indem er schreibt:

"Lebe wohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind. Deine Geschichte ist aus. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte. Fahr wohl, du lebest nun oder bleibest."

Es scheint, es ist der "Traum von Liebe", indem der Autor die große Bedeutung der sieben Jahre "da oben" für den jungen Protagonisten sieht. Als der Donnerschlag ertönt, blickt der Erzähler Hans auf seinem Weg ins Flachlande nach, und resümiert:

"Es waren Abenteuer in Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten; ließen dich im Geiste überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet einst die Liebe steigen?


Zum Hörspiel

Zum Buch

Samstag, 12. April 2008

Senilità - Ein Mann wird älter

Roman von Italo Svevo (Bild)

"Er versuchte immer noch, die beiden über die Bedeutung zu täuschen , die sein Liebesabenteuer für ihn gewonnen hatte. Er täuschte sich ja selbst darüber. Er ging sogar soweit, Balli einreden zu wollen, er sei froh darüber, daß Angiolina jetzt an manchen Abenden beschäftigt war, denn so habe er sie nicht alle Tage am Hals. Er musste freilich erröten, als Balli ihn mit seinen forschenden Augen ruhig ansah. Emilio wußte nicht mehr, wie ihm verbergen, was ihn so leidenschaftlich bewegte, daher begann er, sich über Angiolina lustig zu machen. Er spottete über gewisse Eigenschaften, die er an ihr beobachtet hatte. Diese Beobachtungen waren durchaus zutreffend, nur beeinträchtigten sioe seine zärtlichen Gefühle für Angiolina in keiner Weise. Es gelang ihm, ziemlich ungezwungen zu lachen, aber Balli, der ihn alzu gut kannte, entdeckte in diesem Lachen einen falschen Ton. Emilio lachte allein. [...] War er hingegen mit Angiolina beisammen, dann gab er sich ganz seinen zärtlichen Gefühlen hin."

Textausschnitt folgt der im Verlag Klaus Wagenbach erschienenen Ausgabe, 2. Auflage, 2004 (siehe Abb.)

Svevo-Mann-wird-aelterIn Italo Svevos Roman "Senilità", dessen deutsche Übersetzung den schlichten Titel "Ein Mann wird älter" trägt, erzählt der in Triest geborene Autor vom Leben des Versicherungsangestellten Emilio, der in der Mitte seiner Jahre noch einmal ein Abenteuer erfährt, als er sich auf die liebe zur jungen, schönen angiolina einlässt. - Ein bekanntes Motiv, das auch heute noch oft aufgegriffen wird. Was mir aber hier gut daran gefällt, ist, dass es keinen großen Umbruch gibt. Hier reist niemand zu seinen Wurzeln, hier lässt niemand sein Leben hinter sich oder folgt einer bisher nur in ihm schlafenden Berufung. "Er liebte es, [heißt es im Buch,] in Bildern zu denken, und da sah er sein Leben als einen geraden, gleichförmigen Weg [...]: von der Stelle an, wo er Angiolina begegnet war, begann der Weg sich aufwärts zu winden und zweigte in eine Gegend ab, die von Bäumen, Blumen und Bergen abwechslungsreich belebt wurde. Es war nur ein kurzes Stück, dann führte der Weg wieder hinab ins Tal, wurde eben und sicher wie zuvor."
Und trotzdem - durch Svevos liebevolle Sprache besteht kein Zweifel an der Fülle der Leben dieser Menschen. Es besteht kein Zweifel, dass es ihr Leben ist, und dass sie es mit Leidenschaft leben. Seite um Seite lässt der Autor aber auch beständig Ironie anklingen, wenn er die "kleinen Lügen" aufdeckt, die in diesem Buch zwischen allen Personen wie Spinnennetze gespannt sind. In "Ein Mann wird älter" entspinnt sich schlicht und einfach zwischen dem, was Tag um Tag passiert eine Leidenschaft, in der sich am Beispiel des Emilio noch einmal ein Abglanz all der frühen, ungestümen Lieb- und Leidenschaften zeigt. Es ist die Geschichte eines einfachen Lebens, gewöhnlicher Ereignisse, aber auch ein Reigen um die "kleine Lüge". Ob Svevos feinsinniger, lächelnd-ironischer Beschreibungen fehlt es ihr weder an milder Heiterkeit noch an Klugheit. Aber -aufgrund des deutlichen Mangels an Spannung- allerdings auch -das will gesagt sein- ein Buch, bei dem meine Motivation mit den Seiten doch deutlich nachgelassen hat.

Senilità ("Ein Mann wird älter") wurde als Svevos zweiter Roman bereits 1898 erstmals aufgelegt, erweckte allerdings damals weder die Aufmerksamkeit des Publikums noch der Kritik. "Möglicherweise trug zu diesem Mißerfolg das überaus bescheidene Gewand bei, in dem das Buch sich darbot." So distanzierte sich auch der Autor selbst nach der "mißglückten" Erstauflage für 25 Jahre vom Buch, und empfand es in dieser Zeit als unbedeutendes Werk an. Als da Buch dann aber durch ein Lob James Joyces neu aufgelegt wurde, und der "Männer vom Range eines Benjamin Crémieux und eines Valery Larbaud [...] ihre Zeit und Zuneigung [schenkten]", erwachte auch in Svevo wieder jene Zuneigung zur Geschichte, mit der er sie damals niederschrieb. "Larbaud meint, daß dem Roman der Titel, den er trägt, nicht gemäß sei. Auch ich muss nun, da ich weiß was wirkliches Alter ist, manchmal darüber lächeln, dass ich ihm einen Exzess in der Liebe zugeschrieben habe. [...] Und dennoch: Es käme mir vor, als würde ich das Buch verstümmeln, wenn ich ihm seinen Titel nähme, der, wie mir scheint, einiges zu erklären und zu entschuldigen vermag. Dieser Titel hat mich geleitet, ich habe ihn erlebt.
So bleibe denn dieser Roman, wie er ist, und ich lege ihn dem Leser nur mit einigen rein formalen Änderungen wieder vor."


(Zitate aus dem Vorwort von Italo Svevo zur zweiten italienischen Auflage, Triest am 1. März 1927)

Dienstag, 8. April 2008

Berenices Buchrezension (3)

Titel: Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli
Autor: Andrew Sean Greer
Gekauft weil: Mich der erste Satz gefangen hat.

Zum Autor: Andrew Sean Greer wurde in Washington, DC geboren und lebt jetzt in San Francisco. Bevor er seinen Erzählband „How it was for me“ veröffentlichte, schrieb er für den „Esquire“, „The Paris Review“ und „The New Yorker“. Vor „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“ schrieb er das Buch „Die Nacht des Lichts“. Demnächst wird sein neuer Roman „The Story of a Marriage“ erscheinen, allerdings vorerst nur in Englisch.

Der Inhalt: Max Tivoli schreibt kurz vor seinem Tod seine Lebens- und Liebesgeschichte in Form eines Tagebuchs auf. Das allerdings nicht als greiser Mann, sondern im Körper eines Kindes. Max leidet an einer Krankheit, die ihn, als Greis geboren, immer jünger werden lässt. In Alice findet er seine große Liebe, aber aufgrund seiner Krankheit verpassen sich beide immer wieder.

Meine Gedanken zum Buch: Als ich den ersten Satz „Jeder ist die Liebe im Leben eines anderen“ las, musste ich das Buch kaufen. Was mich erwartete war eine traurigschöne Liebesgeschichte, über die Liebe eines Mannes zu einer Frau. Immer wieder verpasst Max seine Alice und jedes Mal wünscht man sich, dass doch diesmal alles gut gehen würde, dass die Krankheit plötzlich geheilt sein würde und er sein Leben mit ihr verbringen könne.
Neben der Liebesgeschichte wird sehr schön der Wandel San Franciscos zur Jahrhundertwende beschrieben. Wie sich die Gesellschaft geändert hat und welche technischen Neuerungen es gab.
Alles in allem ist das Buch toll geschrieben und die Geschichte origineller als andere Liebesgeschichten. Ich bin froh, dass ich dieses Buch gekauft habe und einige Stunden in der erstaunlichen Geschichte des Max Tivoli versinken konnte.

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Die Auflistung aller Rubriken gibts schließlich hier einzusehen!

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