Ursprünglicher Beitrag, vom 21.2.08
Als ich mir den Zauberberg als Buch kaufte hatte ich zuvor einen Satz gelesen, in dem der Roman quasi als Entwicklungsroman bezeichnet wird.
"Hans Castorps Geschichte", so lautet der Satz,
"ist die Geschichte einer Steigerung: ein simpler Held wird in der fieberhaften Hermetik des Zauberbergs zu moralischen, geistigen und sinnlichen Abenteuern fähig gemacht, von denen er sich früher nie hätte träumen lassen." Dieser Satz stammt vom Autor selbst.
Ich konnte mich aber mit dieser Ansicht dennoch nie anfreunden, und verstanden habe ich sie -bezogen auf den Roman- auch nicht. Ich habe bisher, da ich etwa bis zur 300 Seite gelesen habe, noch nichts von der "Geschichte einer Steigerung" bemerkt. Mag sein, dass diese Begriffe für Thomas Mann eine völlig andere Intensität hatten, als sie es für mich haben. Sein Satz jedenfalls löste bei mir die Erwartung an eine Geschichte wie "Unterm Rad" oder "Narziss und Goldmund" aus, und erwartete mir auch etwas ähnliches, ähnlich Ereignisreiches.
Der Zauberberg ist jedoch völlig anders beschaffen, und so war ich auch einige Zeit unschlüssig darüber. Und fragte mich: Wo liegt denn nun die Entwicklung? Der Satz hatte mich verwirrt.
Nun aber las ich einen neuen Text, mit dem ich viel mehr übereinstimme. Darin wird, im historischen Kontext, deutlich zu machen versucht, dass im Zentrum des Romans nicht Entwicklung, sondern vielmehr Stagnation steht. Der Zauberberg, diese Welt der "Zeitentrückten", zieht alle in seinen Bann. Ich denke, dass dieser Gedanke als Vorwissen zur Lektüre durchaus wertvoll sein kann, um die rätselhafte Stimmung auf dem (oder "im") Zauberberg und die "da oben" besser zu begreifen.
Denn die "da oben" leben in Stagnation dahin. Sie alle da oben sind
"krank, alle verurteilt", schreibt der Literaturhistoriker Hans Mayer.
"Der Zauberberg enthält in der Fülle seiner Gestalten den Querschnitt durch die bürgerliche Gesellschaft der Vorkriegszeit in all ihren Tendenzen und Ausprägungen." Und Stagnation ist ja irgendwie auch eine Art oder eine Facette des Krankseins und Sterbens.
Letztendlich also ein Roman von Tod und Krankheit? Die Beschreibung einer moribunden Gesellschaft? Sicherlich ja. Letztendlich aber, und hier ging mir das Lichtlein auf, auch ein Roman vom Leben. Denn am Anfang und am Ende des Zauberbergs stand da jener erste große Krieg.
Am
Ende deshalb, weil mit diesem Donnerschlag der Krieg begann, und die Welt von damals unterging.
Am
Anfang deshalb, weil dieser
"weltverändernden Schlag", der
"eine Epoche endete" (und somit auch den sieben Jahren Hans Castorps auf dem Zauberberg ein Ende macht),
"uns", so Thomas Mann,
"die Augen dafür [öffnete], dass wir fortan nicht würden leben und dichten können wie bisher." Und so könnte man annehmen, dass der Roman uns beschreibt, wie im Ende einer moribunden Gesellschaft (Epoche), in Krankheit und Moribidität auch gleichsam Hoffnung auf den Anfang von etwas Neuem liegt. Letztendlich also vielleicht auch ein Roman vom Leben,
"geht es [doch auch] darum, mag Castorp untergehen, dass neue Generationen, die nicht mehr krank sind, bewusste Parteigänger des Lebens werden, statt solcher der Krankheit und todessüchtigen Nacht." (Hans Mayer)
Aber ja, was ich hier schreibe ist eine Facette, und der Zauberberg, da ist man sich einig, ist ja reich an solchen! Vielleicht wird sich mir auch die Steigerung im weiteren erschließen!
Als Grundlage für diesen Teil des Beitrages diente das Essay "Der Zauberberg als Hörspiel" von Herbert Kapfer im Booklet des neuerschienenen Hörspiels.
Ergänzung des Beitrages, am 17.4.2008
"Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen im Hause >Berghof<, ein Geist, [...] Dämon.
[...]
Seit dem exzentrischen Ende von Hans Castorps Verbindung mit einer Persönlichkeit und seit Clawdija Cauchats neuerlichem aus der Gemeinschaft derer hier oben seit dieser Wende schien es dem jungen Mann, als sei es mit Welt und Leben nicht ganz geheuer, als stehe es auf eine besondere Weise und zunehmend schief und beängstigend darum, als habe [der] Dämon die Macht ergriffen, der zwar lange schon beträchtilichen Einfluß geübt, jetzt aber seine Herrschaft zügellos offen erklärt habe, der Dämon dess Name der große Stumpfsinn war. " Nein, das kann kein gutes Ende nehmen. Dieses ewig sorg- und hoffnungslose Leben. Dieses Leben ohne Zeit, dieses tote Leben. Das muss notwendigerweise zu einer Katastrophe führen."
Der Zauberberg beschreibt so schließlich in aller Gedehnheit eine Entwicklung hin zur Leere. Alle dort entdeckte Freiheit des jungen Mannes erstirbt in in der Sinnlosigkeit der endlos gleichen Tage.
"Noch einmal hören wir Hofrat Behrens Stimme. Horchen wir gut hin, wir vernehmen sie vielleicht zu letzten Mal. Einmal endigt selbst diese Geschichte. Sie hat die längste Zeit gedauert, oder vielmehr - ihre inhaltliche Zeit ist derart ins Rollen gekommen, dass kein Halten mehr ist, dass auch ihre musikalische zur Neige geht [...].
Textausschnitt (kursiv): erster Absatz entnommen dem Romane (Fischer-Verlag 2004), zweiter und vierter der Hörspielbearbeitung (der hörverlag, 2000), beide dem Kapitels "Der große Stumpfsinn" - einem der letzten Kapitel, nahe bereits dem Donnerschlag.
2 Ergänzung des Beitrages, am 23.4.2008:
Über das Ende
Im Schluss relativiert Thomas Mann die Bedeutung, die Hans Castorp in der Geschichte zukommt, indem er schreibt:
"Lebe wohl, Hans Castorp, des Lebens treuherziges Sorgenkind. Deine Geschichte ist aus. Wir haben sie erzählt um ihretwillen, nicht deinethalben, denn du warst simpel. Aber zuletzt war es deine Geschichte. Fahr wohl, du lebest nun oder bleibest."
Es scheint, es ist der
"Traum von Liebe", indem der Autor die große Bedeutung der sieben Jahre "da oben" für den jungen Protagonisten sieht. Als der Donnerschlag ertönt, blickt der Erzähler Hans auf seinem Weg ins Flachlande nach, und resümiert:
"Es waren Abenteuer in Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten; ließen dich im Geiste überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben sollst. Augenblicke kamen, wo dir aus Tod und Körperunzucht ahnungsvoll ein Traum von Liebe erwuchs. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet einst die Liebe steigen?
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Tarass - 17. Apr, 04:13