Besprechungen und Notizen

Donnerstag, 17. Januar 2013

Lesetipp: Hans Waal



Sehr pointiert zeichnet Hans Waal in seiner Satire ein spitzes Gleichnis auf die Ewiggestrigen: in seinem Roman schwelgen keine Glatzköpfigen Jungens oder Stammtischlandser in rechter Schwärmerei. Hier treten wahre Ewiggestrige auf, SS-Tattergreise, denen -eben ihrem Bunker entstiegen- die Nachricht vom Kriegsende vor 60 Jahren nicht den Glauben an den Endsieg nehmen kann. Er stellt ein aktuelles Phänomen parabelhaft als das dar, was es wirklich ist: ein skurriles, der Zeit entrücktes Stück Irrsinn. Dicke Empfehlung!

Hans Waal
Die Nachhut
Aufbau Verlag, 2009
€9,20 [A]

Dienstag, 16. Oktober 2012

Tarek Leitner: Mut zur Schönheit



Gestern Abend präsentierte Tarek Leitner bei Thalia in Wien Mariahilf sein Buch "Mut zur Schönheit". Er macht darin auf ein verbreitetes, wenngleich im Geiste möglicherweise wenig präsentes Phänomen aufmerksam.

Baustil trifft Zeitgeist, können wir prägnant zusammenfassen, was er in umfangreichen Beobachtungen und Schilderungen zusammenträgt: dass die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten massiv angefangen hat, zu kostengünstiger, unästetischer und vermeintlich ökonomisch vorteilhafter oder notwendiger Verbauung unzähliger Flächen zu tendieren. Umfahrungen, Shoppingparks, Lärmschutzwände, Werbetafel, riesige Lagerhallen, leerstehende Parkflächen - alle dies ist dem zeitgenössischen Auge alles andere als fremd.

Leitner benennt sogenannte Hybridräume - Bereiche, die häßlich sind, und die von jedermann "nur" kurz genutzt werden: um dort kurz einzukaufen, zum Arzt zu gehen, den Schauraum des Installateurs zu besuchen, ein Kebab zu essen, selbst zu Arbeiten etc. Diese zerstören oft auch das, was sie umgibt, was schön und ästhetisch wäre, durch ihr bloße Anwesenheit (gleich nebenan, in der Aussicht, in ihrer Überzahl oä.) mit. Auch kleine, übersteigerte "Inseln der Schönheit" (wie etwa ein übersorgfältig restauriertes Marterl mitten auf einer Verkehrsinsel) hilft hier nicht viel weiter - Wellblech-, Asphalt-, Beton- und Plakate dominieren, die massive Ökonomisierung des Raumes wird anschaulich.

Leitner fordert daher auch dazu auf, als Gesellschaft sorgsamer, anspruchsvoller mit der ästhetischen Facette der Umwelt umzugehen- sich nicht alles aufs billigste und hässlichste mittels vermeintlicher Argumente der Wirtschaftlichkeit zubauen zu lassen. Denn eine schöne Umgebung, so meint er, macht uns ein klein wenig zu besseren Menschen, und hilft uns, die Unbill des Lebens ein bisschen besser zu ertragen. Ein sehr kluges und empfehlenswertes Buch!

Tarek Leitner
Mut zur Schönheit | Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs
ISBN 978-3-85033-659-8
cbv, €22,50

Bild: www.ka-news.de

Montag, 15. Oktober 2012

Niemand blickt dir hinter das Gesicht

Es müssen traurige Zeiten gewesen sein, in denen Erich Kästner die Zeilen seines Gedichtes "Niemand blickt dir hinter das Gesicht" niedergeschrieben hat. Und in der Tat muss diese Zeit, neben den ungeheuerlichen und ungeheuerlich großen Dingen wie der Shoa oder dem Leid, das der Krieg mit sich brachte, auch voll von unscheinbareren, aber ebenso ungeheuerlichen Anlässen zu Trauer und Fassungslosigkeit gewesen sein- mussten doch etwa im nationalsozialistischen Staat die Hinterbliebenen die Hinrichtungs- und Gerichtskosten eines Todesurteils tragen: die wurde per Brief und exakter Aufschlüsselung mitgeteilt. Wer sich etwas über diese (un)menschlichen Aspekte jener Zeit informieren möchte, oder wem einfach nur das folgende Gedicht Lust auf mehr macht, dem sei das Erich Kästner Lesebuch ans Herz gelegt.

Niemand blickt dir hinter das Gesicht (Fassung für Beherzte)

Niemand weiß, wie arm du bist...
Deine Nachbarn haben selbst zu klagen.
Und sie haben keine Zeit zu fragen,
wie denn dir zumute ist.
Außerdem- würd´st du es ihnen sagen?

Lächelnd legst du leid und Last,
um sie nicht zu sehen auf den Rücken.
Doch sie drücken, und du musst dich bücken,
bis du ausgelächelt hast.
Und das beste wären ein Paar Krücken.

Manchmal schaut dich einer an,
bis du glaubst, daß er dich trösten werde.
Doch dann senkt er seinen Kopf zur Erde,
weil er dich nicht trösten kann.
Und läuft weiter mit der großen Herde.

(...)

Dienstag, 14. August 2012

Erlesenes Wien - Die Bibliothek der Bezirke


graphik: teka-von-troppau.de

Wien allgemein (nicht näher zugeordnet/zuordenbar)

Knapp, Radek: Herrn Kukas Empfehlungen
Dinev, Dimitré: Engelszungen

Zugeordnet nach Bezirken

1. Innere Stadt
Roth, Joseph: Kaffeehausfrühling (Feuilletons)
Schilddorfer/Weiss: Ewig (Thriller)

2. Leopoldstadt
Roth, Joseph: Kaffeehausfrühling (Feuilletons)
Canetti, Veza: Die Gelbe Strasse
Schnitzler, Arthur: Leutnant Gustl

3. Landstrasse
Doderer, Heimito von: : Die Wasserfälle von Slunj

4. Wieden
Stermann: Sechs Österreicher unter den ersten Fünf (Roman)

5. Margareten

6. Mariahilf

7. Neubau

8. Josefstadt

9. Alsergrund
Doderer, Heimito von: Die Strudlhofstiege
10. Favoriten

11. Simmering

12. Meidling

13. Hietzing

Irving, John: Lasst die Bären los!

14. Penzing

15. Fünfhaus

16. Ottakring

17. Hernals

18. Währing

19. Döbling

20. Brigittenau

21. Floridsdorf

22. Donaustadt

23. Liesing

Montag, 2. Juli 2012

Andrea Bajani: Mit herzlichen Grüßen

Roman, dtv 2010, Giulio Einaudi editore 2005

Mit viel Witz und spitzer Feder nähert sich Andrea Bajani in seinem erfolgreichem Debütroman einem pikanten Thema. Die Wirtschaft habe dem Menschen zu dienen, und nicht der Mensch der Wirtschaft, heißt es manchmal. Man arbeite, um zu leben, und lebe nicht, um zu arbeiten. Diese Ansichten haben in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts sicherlich nicht unwesentlich zur Herausbildung allgemeinen Wohlstands und hoher Lebensstandards, wie aber auch zu Übersättigung, Trägheit und einem Gefühl von Sicherheit und Kontinuität beigetragen. Einem womöglich trügerischen Gefühl, dem man sich, so die Anregung des Rezensenten Franz Birkenhauer, besser nicht überlässt. Besser bleibt man Einzelkämpfer, denk ich mir da, allzeit bereit; weh dem, der sich in einer "Arbeitswelt, die persönliche Identifikation mit der eigenen Arbeit mittlerweile eher zum psychologischen Risiko degradiert hat" (1), von seiner Loyalität Sicherheit verspricht! Sie kann einem gelegentlich überraschend vergolten werden!

Bücher versuchen gelegentlich, uns zu sensibilisieren für einen Aspekt der Welt, in der wir leben, und uns die Augen für mögliche Konsequenzen der oder einen anderen Blickwinkel auf die Dinge zu öffnen, ganz wie wir es etwa aus Liedern Bob Dylans kennen: stell dir vor, dir würde... Andrea Bajani nun entführt uns in eine luxuriöse, aber gekippte, höchst unsichere Arbeitswelt. Noch sitzen alle in Ihren Büros und tragen frisch und munter zum Erfolg des Unternehmens bei. Finden nach den Geschäftsreisen des Personalchefs morgens stets als kleine Aufmerksamkeit regionale Köstlichkeiten der jeweiligen Destination auf ihren Schreibtischen vor: Mailänder Salami, brasilianischen Kaffee. Hmm lecker.

Manchen aber vergeht wohl gehörig der Appetit, wenn sie daneben eines der ebenso köstlich formulierten Schreiben des "Killers" vorfinden: sprachgewandt und geistreich gekünstelt drücken sie, auf gut deutsch, aus, was die Betroffenen mit einem Schlag aus ihren Sesseln haut: >Hallo, hier spricht der Chef, brauchst Montag gar nicht mehr kommen.<

Übrig bleiben jene glücklichen, von denen jeder selbst der/die Nächste sein kann - womit Bajanis Buch uns an Laurent Quintreaus "Psychogramm einer Krisensitzung" (2) mit dem aussagekräftigen Titel "Und morgen bin ich dran - Das Meeting" erinnert: beides Beschreibungen einer Arbeitswelt voll skurriler Verhältnisse und größter Unsicherheit sowohl für die Beschäftigten als auch für die Führungskräfte. Jeder von Ihnen kann der nächste sein, der zu den Abservierten, "nach Leiche stinkenden" gehört: auf sich gestellt, ausgestoßen aus den geregelten, aber in diesem Falle aberwitzigen Bahnen des produktiven Lebens. Diesem grotesken wie falschen Treiben kommt der Leser aber schnell auf die Spur (der Roman hat nur 130 Seiten), ebenso wie der Protagonist, "Killer" selbst, der Handlung eine überraschende Wendung beschert.

Ascanio Celestini vergleicht die Situationen, die geschildert werden, mit dem Schauspiel der Stierkämpfe: hinter der schmucken, tänzelnd-eleganten Show verbirgt sich Kompromiss- und Rücksichtslosigkeit. So wie dem Stier beim Betreten der Arena zwar ein stolzer Auftritt, aber kaum eine Überlebenschance zugestanden wird, so drücken auch die verschnörkelten, vordergründig würdigenden "Worthülsen" (3) der Kündigungsschreiben hinter all ihren gekünstelnden Wendungen nur eines aus: dass über das Schicksal der angeschriebenen Person schon längst entschieden wurde. Wer möchte da gerne Stier sein? Oder besser: Jedem kann es passieren, dass er plötzlich in die Arena geführt wird. Was zur Hölle ist nun mit den gerühmten strategischen Allianzen? Aber auch, wer als Torrero in der Arena steht, wird von Celestini/Bajani an die seltene, aber gegebene Möglichkeit gemahnt: "dass der (siegesgewisse) Torrero unterliegt, dass das Opfer das Gemetzel überlebt (, und) die Hörner den Sieg über den Degen davontragen" (4) .

Bajani, Andrea
Mit herzlichen Grüßen
Roman, dtv Taschenbuch 2012
€ 9,20 [A]

(1) Franz Birkenhauer: Office Hotelling - Der Mitarbeiter als Schachtel
(2) Laurent Quintreau: Und morgen bin ich dran
(3) Elke von Berkholz über Bajanis Buch in Financial Times Deutschland
(4) Ascanio Celestini im Nachwort zur dtv Taschenbuch-Ausgabe 2012

Maj Sjöwall/Per Wahlöö: Und die Großen lässt man laufen

Kriminalroman, Rowohlt 1972

Im Zentrum des sechsten Bandes der Serie um Martin Beck steht der öffentliche Mord an einem bekannten schwedischen Geschäftsmann in der Stadt Malmö: während einer Rede vor Kollegen wird er im Restaurant eines Hotels von einem Unbekannten niedergeschossen. Schnell wittert man in höchsten Polizeikreisen die politisch brisante Komponente der Tat, denn das Opfer war wirtschaftlich höchst umtriebig, und das nicht nur in koscheren Geschäftsfeldern. Kommissar Beck wird den Ermittlungen beigezogen.

Es teilt sich dieser Roman in zumindest zwei wesentliche Komponenten auf: Verbrechensaufklärung und gesellschaftskritische Anregung. Zu ersterem wollen wir hier nicht viele Worte machen. Wir sind keine Analysten von Krimiaufbauten und wollen das Vergnügen jeder einzelnen Wendung und jeder Einsicht getrost dem Buch überlassen. Unser Interesse soll jenem Aspekt gelten, der den Roman mindestens ebenso wie die eigentliche Handlung mitträgt: die Nachforschung, welche gesellschaftlichen Missstände ursächlich in der Lage sind, Verbrechen, Mord und Elend hervorzubringen.

Stark kontrastierend wird das einfache Verbrechen von der Strasse (Drogenhandel, Mord, Körperverletzung und dergleichen mehr) einem hochkomplexen, kaum zu überführenden Verbrechen gegenübergestellt, das mindestens ebensoviel Elend hervorbringt: rücksichtslose Geschäftetreiberei und Bereicherung in den Nischen und Lücken der Gesetze und im Verborgenen, gut geschützt vor den Blicken der Öffentlichkeit. Drogenopfer von der Straße werden gesellschaftlich geachteten, aber skrupellosen Geschäftmachern gegenübergestellt, die hinter einer eleganten Fassade vor allem den eigenen Profit suchen, und sei es auf Kosten Schwächerer oder der Allgemeinheit. Die Frage nach der Wurzel gesellschaftlichen Übels und nach der Bedeutung der Rechtschaffenheit eines/r jeden/r Einzelnen wird aufgeworfen.

Trotz seiner mittlerweile 40 Jahre auf dem Buckel ist der Roman damit von bestechender Aktualität: wem würden nicht einige Namen einfallen, denen man ähnlich skrupellose Geschäfte zumindest zutrauen würde? Namen von Personen, die sich mittlerweile Woche für Woche vor Gericht oder irgendwelchen Ausschüssen abmühen müssen, um gewisse Zusammenhänge möglichst verklärt zu erhalten? Trotz seines Alters also ein überaus aktuelles, aufmerksam machendes Buch, dass versucht, moralisch-ethische Überlegungen anzuregen und den Blick weg vom Schwarz-Weiß aus Ansehen und Ächtung (zB Erfolg und Drogensucht) für die Zusammenhänge zu sensibilisieren. Ein Buch icht zuletzt, das auf die Beantwortung der Frage drängt, wieviel Raum selbstbereichernden, egoistischen Ambitionen auf Kosten gemeinsamer, rechtschaffener und altruistischer Werte eingeräumt werden soll und darf. Definitiv in mehr als einer Hinsicht empfehlenswerte Lektüre!

Maj Sjöwall/Per Wahlöö
Und die Großen lässt man laufen
Taschenbuch, Rowohlt 1972, Neuauflage 2008
€ 9,20 [A]

Samstag, 28. Mai 2011

CD-Tipp: Fritz Muliar liest Jüdische Witze

Fritz Muliar lässt in seinen Interpretationen dieser Witze die jüdische Welt Osteuropas wieder lebendig werden. Sprachlich ist er grandios- er erzählt mit hundert Stimmen, hundert Dialekten und haucht diesen oft hintergründigen Witzen damit nicht nur Humor sondern vor allem Leben ein.

Es gibt mehrere CDs mit Aufnahmen Muliars, und manche Rezensenten meinen einen Unterschied zwischen "lustlosen" Aufnahmen zu hören und Live-Mitschnitten, die ihren "hohen Erwartungen an einen Vortag Muliars" entsprechen. Das mag gut sein, ich weiß es nicht zu beurteilen. Ich für meinen Teil bin auch mit meiner Studioaufnahme sehr zufrieden! Das Angebot an diesen CDs ist groß (siehe zB ), stöbern Sie einfach und finden Sie es für sich selbst heraus!

Bildquelle: www.austria-lexikon.at

Freitag, 18. März 2011

18.3. / Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch




"Wenn ich in der Nacht nicht weiß, woher ich morgen den Mut nehmen soll, und schlafe ich nochmals ein - er steht auf, spätestens wenn ich Kaffee koche, wie ein treuer Hund, der neben dem Bett geschlafen hat: der Mut! das Telefon abzuheben und später in die Stadt zu gehen und mit freundlichen Leuten zu reden und alles zu vergessen, was man in der Nacht gewusst hat, und die Zukunft nicht zu sehen, geführt wie von einem Blinden-Hunde. Heute wäre ich am West-Broadway fast von einem Truck überfahren worden."

Poetisch und leise, von tiefer Ruhe -der Ruhe des lange-überdacht,-viel-erlebt-Habens-, aber auch von milder Resignation durchdrungen sind Max´ Frisch Einträge aus den "Entwürfen zu einem dritten Tagebuch". Mit ihnen hat er gegen Ende seines Lebens, im Alter von etwa siebzig Jahren, scharfsichtige, pointierte und von großer Tiefe und genauer Beobachtungsgabe geprägte Notizen hinterlassen. Frisch erzählt hier aus einem manchmal seltsam anmutenden Spannungsverhältnis heraus: einerseits von der Resignation gezeichnet, andererseits noch frisch und jung im Geiste, sich des Lebens erfreuend, über die Dinge staunend, immer wieder die eigenen und fremden Ansätze in Frage stellend- ein seltsam Verzagt-Unverzagter, der scheinbar vom großen Wollen abgelassen hat im Angesicht der Jahre. Ein kluges, sensibles und äußerst interessant zu lesendes Buch und ein spannender Blick in die Welt, der einem manch neues da draußen und im eigenen Innern offenbaren kann!

Max Frisch
Entwürfe zu einem dritten Tagebuch
Suhrkamp 2010, Gebunden
€ 18,30 [A]

Dienstag, 1. Februar 2011

1.2. / Rául Ruiz: Die wiedergefundene Zeit

(Verfilmung nach dem Roman von Marcel Proust)

Hier wird mit dem Raum, mit Entfernungen, mit Gegenwart und Vergangenem gespielt, Raum und Zeit verschwimmen und werden relativer. Achten sie darauf, wie vermeintlich feste Punkte sich durch den Raum bewegen, wie sich Erinnerungen in Klängen, Gegenständen, Überblendungen mit den Geschehnissen vermischen! Prousts Roman, so R. Hartung in der Süddeutschen Zeitung, „ist ein Werk der Erinnerung, Beschwörung des vergangenen Lebens“. In diesem stimmungsvollen, ambitionierten Film will Rául Ruiz dem nachspüren. In farbenprächtigen, detailreichen Bildern werfen wir einen Blick in die Proust´sche Welt, erhalten Einblick in die französische Gesellschaft rund um den berühmten Literaten. Ein Film, der einlädt, Proust und die „Suche nach der verlorenen Zeit“ kennenzulernen. Erschienen 2011 in der Filmedition Suhrkamp.

wiedergefundene

Mittwoch, 30. Juni 2010

Samson Kambalu: Jive Talker

„Jive Talker“ ist der autobiographische Roman des malawischen Künstlers Samson Kambalu, die -so schreibt der Verlag sehr schön- „sprühende Lebensgeschichte eines Jungen, der in Malawi aufwächst und (den –gerade in Afrika recht zahlreichen- Schwierigkeiten des Lebens zum Trotz) auszieht, Künstler zu werden“. Kambalu selbst nennt sein schriftstellerisches Debut „eine Tragödie, eine Komödie, eine Satire, eine philosophische Untersuchung, ein Erinnerungsbuch, ein(en) Roman.“

Er erzählt darin viel von seiner Kindheit und Jugend in Malawi, einem der damals wie heute ärmsten Länder der Welt, von skurrilen gesellschaftlichen Eigenheiten im wechselhaften kolonial bis postkolonialen Afrika, umreißt in kurzen Episoden die Geschichte seiner Familie, in der viele der gesellschaftlichen Kuriositäten ihren Niederschlag in personam finden und gibt damit eine Stichprobe vom Leben der Menschen auf dem schwarzen Kontinent. Der ambitionierte Aufbruch des jungen Mannes in ein "besseres Leben", der ihn schließlich bis nach Europa und in die Arme seiner schottischen Geliebten führt, nimmt den zweiten Teil des Buches ein.

Kambalus Beschreibungen diverser Ereignisse und Begebenheiten sind oft hochamüsant und voller Witz und Situationskomik. Dennoch wird aber, wer den „Jive Talker“ liest, schnell den bitteren Beigeschmack merken- und dass die Geschichte letztendlich eine tragikomische, eine nicht nur heitere, sondern auch ernste ist, zumal es für die die Menschen in Malawi selbst doch oft weniger zu lachen gibt.

"I´m no man, I am dynamite"

Die Erzählung ist stark von den Eindrücken geprägt, die Samsons Vater auf den Jungen macht. Und die sind oft kurios und abgedreht: als flammender Nietzscheanhänger, glühender Bücherliebhaber und Verfechter der westlichen Lebensweise kommt es zu manch skurriler Situation- unter anderem zu nächtlichen Predigten, in denen der "Jive Talker" im Mondschein den Kindern "mal wie ein Sturm, mal wie eine drohende Brise" vom "einsam wandernden Philosophen Zarathustra und seinem Willen zur Macht" predigt. So wenig erbaulich sein Jive (seine Predigten), so schräg seine Auftritte und so wenig wünschenswert und unglücklich die Situation des "Jive Talkers" selbst dabei oft ist, eines gelingt ihm: inspirierend auf den Nachwuchs zu wirken. Und so nimmt Samson eine große Portion unerschütterlichen Optimismus, Mut und Glauben an sich selbst mit ins Leben. Und auch der kultische Umgang, den der flammende Nietzsche-Verehrer mit seiner Büchersammlung pflegt, färbt auf seinen Spross ab und weist ihm die Bedeutung von Büchern und Bildung. Darüberhinaus noch mit dem Sinn fürs Praktische ausgestattet, dem ihm seine Mutter vorlebt, hat Samson das Rüstzeug, mit dem es ihm gelingt, ein Leben in Armut und Misere hinter sich zu lassen und als Künstler international sein Ding zu machen. Mit all dem will uns der "Jive Talker" (der Roman) wohl von einem erzählen: wie wichtig es -gerade auch in üblen Lagen- ist, eine Vision zu haben und seinen Weg zu gehen.

In diesem Sinne gefällt mir -auf Afrika übertragen- der Gedanken sehr gut, mit dem Ania Mauruschat ihren Artikel auf br-online.de enden lässt: "Wenn man Samson Kambalus "Jive Talker" gelesen hat, versteht man jedenfalls ein bisschen mehr von der einmaligen Energie, die in diesem Kontinent steckt. Afrika, nicht nur Opfer sondern auch Vision."

Denn es ist wirklich wahr: die Welt, so stehts im Roman, soll eines erfahren: "dass wir in unsern malawischen Köpfen Kunst haben." Und Samson Kambalu hat einen großen, wichtigen und aufsehenerregenden Schritt in diese Richtung getan: er bringt uns ein Land näher, eines der ärmsten, von dessen Existenz wahrscheinlich viele unter uns kaum wissen, und erzählt uns davon, wieviel an Positivem und Schöpferischem darin steckt.

"Wow! Herr im Himmel! Komm mal runter auf die Erde und sieh dir das an! Das Werk eines Künstlers!"

Kurz gesagt: Ein Buch, das man ob seiner Vielschichtigkeit in angemessener Kürze nur schwer treffend beschreiben kann, jedenfalls aber: ein großartiges, gelungenes und überaus lesenswertes Buch! "Sam, das hier ist mehr als kritisches Denken! Mach weiter so Kumpel!"

Samson Kambalu
Jive Talker
Roman, Unionsverlag 2010
gebunden, 352 Seiten, €20,50 [A]


Hier gehts zu Ania Mauruschats interessantem
Beitrag über Samson Kambalu und seinen Roman
auf br-online.de.

Mehr Romane und AutorInnen aus Afrika auf www.afrikaroman.de

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