marx reloaded
Karl Marx/Friedrich Engels Studienausgabe Bd. V
"Prognose und Utopie"
"Man könnte sagen, dass die theoretische Gültigkeit einiger Konzepte heute größer ist als vor einem Jahrhundert."
(Jorge Semprun über das Werk Karl Marx')
(Jorge Semprun über das Werk Karl Marx')
Der Begriff Marxismus hat wohl eine bedeutend schlechte Konnotation- wiewohl auch der Name Marx´ dadurch in schlechterem Lichte erscheinen mag. Diesem (so vordefinierten) Verhältnis liegt aber vielleicht ein umfangreicher Irrtum zugrunde- die Gleichsetzung der marxschen Überlegungen mit dem, was in "Marxismus" weiterverarbeitet und dabei oft fehlinterpretiert, falsch vereinfacht oder missverstanden wurde. Bei der Auslegung des marx´schen Hauptwerkes im Rahmen einer "marxistischen politischen Ökonomie" werde etwa verkannt, dass es bei Marx um eine Kritik der politischen Ökonomie im doppelten Sinne geht, die sich sowohl mit dem Gesamtprozess als auch den theoretischen Reflexionen der Ökonomen (durch die oft eine Rechtfertigung der Gesamtsituation erfolge) auseinandersetze. Das Marx´sche Werk sein nicht in dem Sinne, dass es den Anspruch erhebe, eine neue Ökonomie darzustellen, sondern als Reflexion über dieselben wie der zugrundeliegenden Realität aufzufassen. Es sei das Werk nicht als Anspruch verstanden, den theoretischen Überbau für Überwindung kapitalistischer Missstände wie das ökonomischen System für die Transformation der Gesellschaft zu liefern. In der Annahme einer unausweichlichen Transformation/Revolution liegt dann aber wohl auch Marx' bedeutendster Irrtum.
Das Problem dabei sei, "dass die Geschichte die globalen abstrakten Analysen von Marx, wie wir sie im 'Kapital' finden, im allgemeinen bestätigt hat, dass sich aber die Prophezeihungen oder Perspektiven über die Unvermeidlichkeit der Revolution als gänzlich falsch erwiesen haben." (Jorge SemprunKarl Marx') Er habe hier die Bedeutung der von ihm selbst bemerkten gesellschaftlichen Prozesse wie seiner Überlegungen unterschätzt oder auch vergessen, habe die "Reife" der Gesellschaft für eine Transformation bedeutend falsch eingeschätzt und eine falsche Vorstellung von der Gesellschaftsentwicklung -etwa die Annahme einer (eines Endzustandes) sozialer Gerechtigkeit im Rahmen einer emanzipierten Gesellschaft- gehegt wie wohl auch verbreitet.
In den 'Grundrissen' wie den 'Theorien über den Mehrwert' (nachgelassene Werke) aber lasse sich auch einen anderen Marx finden, der sich zwar einerseits im Rahmen zuweilen kühner (utopischer) Prognosen (sonst eher uneingestandene) Hoffnungen erlaube, andererseits aber nicht auf der Grundlage einer proletarischen Revolution überlege, sondern die Auseinandersetzung nicht nur mit den bedeutenden Theorien der Klassiker sondern auch mit linken (...) Vulgärökonomen suche. "Die Lektüre ausgewählter Passagen aus den 'Grundrissen' und den 'Theorien über den Mehrwert' kann damit zu einem anderen -neuartigen, moderateren, konfliktfreieren und kompromisssuchenden?-) Verständnis von Marx beitragen, als es der 'traditionelle' Marxismus bietet." (Iring Fetscher)
Text adaptiert / zitiert aus dem Vorwort von
Karl Marx/Friedrich Engels
Studienausgabe V
"Prognose und Utopie"
(Hg. Iring Fetscher)
Taschenbuch, € 9,20 [Ö]
Tarass - 22. Nov, 09:41




