Émile Zola: Erzähler vom Leben, Chronist der Gesellschaft
„Émile Zola, zu Lebzeiten als Vaterlandsverräter und Pornograph beschimpft, gilt längst als einer der Wegbereiter der Literarischen Moderne. Ohne Rücksicht auf bürgerliche Tabus hat Zola der Literatur völlig neue soziale Welten erschlossen (und) als einer der Ersten eine Sprache gefunden für die schmutzige nach Zwiebeln und Ausbeutung stinkende Welt des Frühkapitalismus.“ (fischerklassik.de)
Diese Worte über den Autor gibt der Fischer-Verlag den Lesern des „Germinal“ mit auf den Weg. Und in der Tat lohnt es sich, nicht nur Zolas Werk kennenzulernen, sondern auch etwas über dessen Bedeutung zu wissen und einige Details aus dem Leben des Autors zu erfahren- die Lektüre der Romane wird dadurch mit Sicherheit spannender und informativer.
Geboren im Jahre 1840 war er ebenso Zeitgenosse wie bedeutender Kollege Guy de Maupassants, Joris-Karl Huysmans´, Alphonse Daudets, Gustave Flauberts, also der bedeutendsten französischen Schriftsteller ihrer (auf die Balzacs und Stendhals fogenden) Generation. In seinen frühen Jahren -so Kindlers Literaturlexikon- noch einer romantisierenden Literaturauffassung zugetan, wandte er sich mit seinem dritten Roman, „Thérèse Raquin“, mit dem er auch bekannt wurde, einer innovativeren und eigenständigeren Schriftstellerei zu und setzte sich sowohl in Literaturzirkeln als auch praktisch im eigenen Werk mit Konzepten auseinander, die sowohl zur Art der Beschreibung als auch zu den in der Literatur beschriebenen Gegenständen eigene und neuartige Ansichten vertrat. Im Gegensatz zu damals verbreiteten Themenkomplexen wie der Dekadenz von Adelsgesellschaften, Langeweile, bürgerlichen Tabus, Liebeleien und Affären, begannen Autoren wie Zola oder Dickens, sich mit den sozialen Problemen der frühkapitalistischen Gesellschaften zu beschäftigen, und begründeten, indem sie sich in ihrem Werk mit Schlechtgestellten in der Gesellschaft beschäftigten, was heute als Stilrichtung des Naturalismus gilt: eben die realistische, ungeschönte Beschreibung von Ungerechtigkeit, Armut, Niedertracht, Schmutz, also des „Bodensatzes“ der damaligen Gesellschaft. Die Lektüre von Zolas Büchern war wohl für viele eine Konfrontation mit dem, was sie ansonsten lieber nicht sahen, und wurde wohl gerade deshalb auch oft als abstoßend, schmutzig und pornografisch empfunden. Besonders in Frankreich, wo ja vor wenigen Jahrzehnten die Revolution stattgefunden hatte, war es wohl für die, die nicht im Elend leben mussten, unangenehm zu lesen, dass es in der Gesellschaft solch widerwärtige Ungerechtigkeit noch immer gab. Und gerade dieser Aspekt ist es, der wahrscheinlich bei der Lektüre seiner Romane noch heute auf den/die LeserIn die größte Wirkung entfaltet und den meisten Eindruck macht.
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Zola war dabei in seinem Romanschaffen überaus produktiv: er hat neben zwei kleineren Romanzyklen, „Les trois villes“ aus drei Romanen und dem unvollendet gebliebenen „Les Quatre Évangiles“ den 20 Romane umfassenden Zyklus „Les Rougon-Macquart“, der heute als sein Hauptwerk gilt, geschaffen. Es handelt sich um ein „programmatisches (Werk, indem er) die Verfallsgeschichte einer Familie über mehrere Generationen hinweg schildert und zugleich ein umfassendes Bild der französischen Gesellschaft während des zweiten Kaiserreichs entwirft“ (Kindlers). Sein Roman „Germinal“ etwa ist auch Teil dieses Zyklus: in ihm stellt er Schilderungen des elenden Lebens nordfranzösischer Bergarbeiter neben solche des Lebens der „spießbürgerlichen“ Ingenieure und Aktionäre und arbeitet damit einen Kontrast heraus, indem die soziale Ungerechtigkeit sehr deutlich wird. Explizite Beschuldigungen findet man aber nicht, sondern Beschreibungen der Lebensbedingungen und der Gedanken, die die Menschen bewegen. Aber auch konkrete Gedanken, Theorie und Bewegungen der Zeit tauchen in Zolas Romanen auf:
„Souvarine … sagte halblaut, wie mit sich selbst sprechend:
Die Löhne erhöhen: ist das möglich? Sie sind durch ein ehernes Gesetz mit dem unerlässlich geringsten Betrage festgestellt, mit genau so viel, als notwendig ist, damit die Arbeiter trockenes Brot essen damit die Arbeiter trockenes Brot essen und Kinder machen… Wenn die Löhne zu tief sinken, dann verrecken die Arbeiter und die Nachfrage nach neuen Männern lässt sie wieder in die Höhe gehen. Wenn sie zu hoch gestiegen sind, werden sie durch das stärkere Angebot wieder herabgedrückt… Das ist das Gleichgewicht der leeren Bäuche, die ewige Verdammnis im Bagno des Hungers.
Wenn er sich so vergaß und von Dingen sprach, die ihm als einem unterrichteten Sozialisten geläufig waren, standen Étienne und Rasseneur unruhig da, in Verwirrung gebracht durch seine niederschmetternden Behauptungen, auf welche sie nichts zu antworten wussten.“
(Germinal, Fischer Klassik 2008)
Tarass - 2. Nov, 22:12




