Knut Hamsun: Segen der Erde
"Eines Nachts stützte sie sich auf die Ellenbogen und sagte: Du, Isak. - Was gibt´s? fragte Isak? - So, wachst du? - Ja. - Ach, nichts Besonderes, sagt Inger. Aber ich bin nicht gewesen, wie ich hätte sein sollen. - Was? fragt Isak. Das entfuhr ihm, und auch er richtete sich auf den Ellenbogen auf. Dann redeten sie weiter miteinander, sie ist nun eben doch eine prächtige Frau und hat das Herz voll. Ich bin nicht so gegen dich gewesen, wie ich hätte sein sollen, sagt sie. Das tut mir leid. - Diese einfachen Worte rühren ihn, sie rühren den Mühlengeist, und er will Inger gerne trösten; versteht zwar nichts von der Sache, er versteht nur so viel, das es keine mehr gibt wie sie. - Deshalb brauchst du nicht zu weinen, sagt Isak. Wir sind alle nicht, wie wir sein sollten. - Ach nein, sagt sie dankbar. Oh, Isak hatte eine so gesunde Art, die Dinge zu behandeln, er richtete sie wieder auf, wenn sie umfallen wollten. Wer ist, wie er sein sollte! Er hatte recht;"
(aus der Ausgabe Paul List Verlag, München 1951)
Es gibt doch, scheint mir, eher selten Romane, in denen alles "gut" und tröstend ist- es scheint das Schwierige und Problematische die Leute im Normalfall viel mehr dazu anzuregen, es niederzuschreiben. Dabei tut es, wie ich finde, überaus gut, von Menschen zu lesen, denen es gut geht und die, wenngleich auch in ihrem Leben das eine oder andere schwierig ist, zufrieden sind, nicht ständig hart um ihre Zufriedeneit kämpfen und Sehnsüchten nachjagen müssen. Knut Hamsuns "Segen der Erde" ist ein solcher Roman. Er "erzählt die Geschichte Isaks, des Bauern, der in der Einsamkeit des Nordlandes dem Moor ein Stück Erde abringt, es urbar und zu einer fruchtbaren, weithin angesehenen Oase des Lebens für viele macht.". Es ist eine Geschichte einfacher Dinge und nicht grosser Gefühle oder Ereignisse- und dafür aber letzten Endes auch einer grossen Zufriedenheit. Sie erlangen diese durch ihre Ergebenheit und ihren Glauben ans Leben, und so werden ihnen Ruhe, Freude und "Segen" zuteil. Das Leben dort oben bei ihnen im Ödland gedeiht- in aller Ruhe, ohne Eile.
(Zitat: dtv)
Der Stil des Autors ist dabei wirklich gut und passend: die Tiefe des Textes kommt gerade dadurch zustande, dass in schlichten Worten von den Dingen erzählt wird; indem die Dinge ganz klar bezeichnet werden bleibt der Text weitab von Kommentaren und Interpertationen, und regt gerade dadurch zum Überdenken der Dinge an: "Freude ist nicht Lustigkeit" etwa heißt es im Text. Indem Hamsun einige Unglückliche, Getrieben einarbeitet, die ihren Sehnsüchten und Wünschen hinterherhetzen, wird die Ruhe, die die Menschen dort oben im Ödland genießen, nachvollziehbar.
"Isak merkte wohl, dass Brede bei dem Abschlussfest der Telegraphenarbeiter dabeigewesen war; er sah übernächtig aus, aber das tat nichts, er war fröhlich und freundlich. Natürlich tat er ein bisschen groß: Eigentlich habe er keine Zeit zu dieser Telegraphenarbeit, er habe ja seinen Hof, aber er habe nicht nein sagen können, der Ingenieur sei so sehr in ihn gedrungen. Und dann habe es ja auch dazu geführt, dass Brede nun die Inspektorstelle über die Linie übernehmen müsse. Es sei nicht wegen der Bezahlung, sagte Brede, er könnte im Dorf drunten viel mehr verdienen, aber er habe nicht ungefällig sein wollen. Nun habe man ihm eine kleine glänzende Maschine an der Wand angebracht, die sei unterhaltend, fast ein Telegraph selbst.
Isak konnte mit dem besten Willen über diesen Prahlhans nicht böse sein, dafür fühlte er sich zu erleichtert, als er an diesem Abend statt eines Fremden seinen Nachbarn im Hause vorfand. Isak hatte das Gleichgewicht des Bauern, dessen einfache Gründe, dessen Handfestigkeit, dessen Langsamkeit; er stimmte Brede zu und nickte zu seiner Oberflächlichkeit. Hast du nicht noch eine Schale Kaffee für Brede? fragte er Inger. Und Inger schenkte ein."
(aus der Ausgabe Paul List Verlag, München 1951)
Was mir besonders gut gefällt ist auch der stete (grammatikalische) switch zwischen Vergangenheit und Zukunft, wie ihr ihn im ersten Zitat bemerken könnt (Liegt dies nur an der Übersetzung?).
Von Gesellschaftskritik kann man aber kaum sprechen- im Gegenteil haben auch die Nationalsozialisten später ein ansprechendes Menschenbild in Hamsuns Figuren aus dem "Segen der Erde" gefunden. Auch Nietzsche ist es bekanntlich so ergangen, jedoch wirft Hamsuns Sympathie zum Nationalsozialismus womöglich ein anderes Licht auf die Sache. Dennoch, ich glaube, dass man den "Segen der Erde" auch frei von diesem verhängisvollen Zusammenhang lesen kann- nämlich als ein literarisches Bild menschlicher Zufriedenheit wie etwa die Bücher Hesse und Fromms. Dass alles gut sein kann und gut ist, wenn man es will, scheint mir das zu sein, was die Erzählung sagen will.
Knut Hamsun
Segen der Erde
Roman, Tb, 352 Seiten
978-3-423-11055-6
11,90 [A]
(aus der Ausgabe Paul List Verlag, München 1951)
Es gibt doch, scheint mir, eher selten Romane, in denen alles "gut" und tröstend ist- es scheint das Schwierige und Problematische die Leute im Normalfall viel mehr dazu anzuregen, es niederzuschreiben. Dabei tut es, wie ich finde, überaus gut, von Menschen zu lesen, denen es gut geht und die, wenngleich auch in ihrem Leben das eine oder andere schwierig ist, zufrieden sind, nicht ständig hart um ihre Zufriedeneit kämpfen und Sehnsüchten nachjagen müssen. Knut Hamsuns "Segen der Erde" ist ein solcher Roman. Er "erzählt die Geschichte Isaks, des Bauern, der in der Einsamkeit des Nordlandes dem Moor ein Stück Erde abringt, es urbar und zu einer fruchtbaren, weithin angesehenen Oase des Lebens für viele macht.". Es ist eine Geschichte einfacher Dinge und nicht grosser Gefühle oder Ereignisse- und dafür aber letzten Endes auch einer grossen Zufriedenheit. Sie erlangen diese durch ihre Ergebenheit und ihren Glauben ans Leben, und so werden ihnen Ruhe, Freude und "Segen" zuteil. Das Leben dort oben bei ihnen im Ödland gedeiht- in aller Ruhe, ohne Eile.
(Zitat: dtv)
Der Stil des Autors ist dabei wirklich gut und passend: die Tiefe des Textes kommt gerade dadurch zustande, dass in schlichten Worten von den Dingen erzählt wird; indem die Dinge ganz klar bezeichnet werden bleibt der Text weitab von Kommentaren und Interpertationen, und regt gerade dadurch zum Überdenken der Dinge an: "Freude ist nicht Lustigkeit" etwa heißt es im Text. Indem Hamsun einige Unglückliche, Getrieben einarbeitet, die ihren Sehnsüchten und Wünschen hinterherhetzen, wird die Ruhe, die die Menschen dort oben im Ödland genießen, nachvollziehbar.
"Isak merkte wohl, dass Brede bei dem Abschlussfest der Telegraphenarbeiter dabeigewesen war; er sah übernächtig aus, aber das tat nichts, er war fröhlich und freundlich. Natürlich tat er ein bisschen groß: Eigentlich habe er keine Zeit zu dieser Telegraphenarbeit, er habe ja seinen Hof, aber er habe nicht nein sagen können, der Ingenieur sei so sehr in ihn gedrungen. Und dann habe es ja auch dazu geführt, dass Brede nun die Inspektorstelle über die Linie übernehmen müsse. Es sei nicht wegen der Bezahlung, sagte Brede, er könnte im Dorf drunten viel mehr verdienen, aber er habe nicht ungefällig sein wollen. Nun habe man ihm eine kleine glänzende Maschine an der Wand angebracht, die sei unterhaltend, fast ein Telegraph selbst.
Isak konnte mit dem besten Willen über diesen Prahlhans nicht böse sein, dafür fühlte er sich zu erleichtert, als er an diesem Abend statt eines Fremden seinen Nachbarn im Hause vorfand. Isak hatte das Gleichgewicht des Bauern, dessen einfache Gründe, dessen Handfestigkeit, dessen Langsamkeit; er stimmte Brede zu und nickte zu seiner Oberflächlichkeit. Hast du nicht noch eine Schale Kaffee für Brede? fragte er Inger. Und Inger schenkte ein."
(aus der Ausgabe Paul List Verlag, München 1951)
Was mir besonders gut gefällt ist auch der stete (grammatikalische) switch zwischen Vergangenheit und Zukunft, wie ihr ihn im ersten Zitat bemerken könnt (Liegt dies nur an der Übersetzung?).
Von Gesellschaftskritik kann man aber kaum sprechen- im Gegenteil haben auch die Nationalsozialisten später ein ansprechendes Menschenbild in Hamsuns Figuren aus dem "Segen der Erde" gefunden. Auch Nietzsche ist es bekanntlich so ergangen, jedoch wirft Hamsuns Sympathie zum Nationalsozialismus womöglich ein anderes Licht auf die Sache. Dennoch, ich glaube, dass man den "Segen der Erde" auch frei von diesem verhängisvollen Zusammenhang lesen kann- nämlich als ein literarisches Bild menschlicher Zufriedenheit wie etwa die Bücher Hesse und Fromms. Dass alles gut sein kann und gut ist, wenn man es will, scheint mir das zu sein, was die Erzählung sagen will.
Knut Hamsun
Segen der Erde
Roman, Tb, 352 Seiten
978-3-423-11055-6
11,90 [A]
Tarass - 30. Sep, 21:44




