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Saltimbocca alla Romana!

saltimbocca: kalbsschnitzel mit parmaschinken und salbei garniert und gebraten; mehr dazu im buch

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Saltimbocca

Kriminalroman von Bernhard Jaumann

Was für eine nette Idee! Eine Ebene in der Ebene, eine Geschichte in der Geschichte! Zumindest mal das Konzept betreffend scheint Bernhard Jaumanns "Saltimbocca" (benannt nach einer römischen Delikatesse) ein ganz besonderer Krimi zu sein:

Ein nicht genau genannter Krimiautor von mäßigem Erfolg lässt sich in einer Trattoria in Rom nieder. Für einige Tage freier Verköstigung, so vereinbart er mit dem Wirt, werde sein Lokal zum Mittelpunkt seines nächsten Krimis werden. Der Wirt willigt ein, und der Autor lässt, gestärkt von der guten römischen Küche, die Feder fliegen und seinen Helden, den ebenso nur eher mäßig erfolgreichen römischen Privatdetektiv Brunetti, durch die Gassen Roms ziehen und (oh weh!) ausgerechnet die Tochter des Hauses hoffnungslos lieben! Doch damit nicht genug! Gerade (oh weh!!) der gute Wirt ist es, der des Mordes an einem Restaurantkritiker verdächtigt wird, und in dessen Sache Brunetti beginnt, sich mit dem Mordfall zu beschäftigen!

Soweit der Entwurf, wie ihn der Klappentext verspricht, und ich muss sagen, dass dieser in meinen Ohren so vielversprechend, unterhaltsam und zur Lektüre einladend wie nur wenige klingt. So will ich denn zur Lektüre schreiten und sehen, was sie bringt...

etwas später...

Fertig! Was habe ich zu berichten? Wir haben hier zweifelsohne einen besonders jungen, spritzigen, unkonventionellen Krimi mit einfallsreichen Charakteren und Dialogen und viel Witz. Das bemerkt man zum einen am ziemlich sympatischen wie draufgängerischen und ablosenden Protagonisten (unserem Privatdetektiv Brunetti - "so wie der von Donna Leon? Ich notierte mir, dass ich den Namen nachträglich noch ändern sollte") wie auch an Palottas Stammgästen, zu denen die beiden greisen Altkommunisten Falce und Martello, der unauffällige Professor Navacchia und der laute junge Pseudo-Mafioso Boccioni gehören. Mit ihnen werden uns einige (ich vermute es zumindest) typisch italienische literarische (karrikierte, aber authentische) Prototypen serviert. Auch auf Bruno Brunettis Flucht vor der Kripo kracht es -mit Verzicht auf die sonst so häufige, todernste Fixierung der handelnden Personen auf die jeweiligen Krimi-Ereignisse- ordentlich: es findet sich ebenso Zeit für spontane Heiratsanträge wie für ein spontanes Saufgelage- Fussballdiskussionen und Messwein in Strömen inklusive. Zur Veranschaulichung der humorvollen Komponenten des Romans möchte ich euch hier die (stets nach den Prioritäten des jeweiligen Augenblicks gereihte und sich immer wieder ändernde) Bedürfnisliste Brunettis vorstellen:

"saufen
fussball gucken
schlafen
fressen
sex
gerechtigkeit
sinn des lebens
wahre liebe"


...zeit vergeht, ereignisse geschehen...

"sex
sinn des lebens
wahre liebe
gerechtigkeit
saufen
schlafen
fussball gucken
fressen

als er die halbe Flasche geleert hatte, stand er wieder auf und rückte "wahre liebe" an die erste Stelle. Dann steckte er noch "Saufen" vor "Sinn des Lebens". Hol´s der Teufel!"


Eine weitere sehr positive Facette des Romans: man kriegt ordentlich Lust und Appetit auf Italien und die italienische Küche- so war es zumindest bei mir. Mit spürbarer Leidenschaft und Begeisterung wird uns nicht nur anhand Boccioni und Co. von den Mentalitäten schrulliger Römer erzählt, sondern auch anhand der Gerichte, die auf der Stammgäste (und besonders auf des scrittores- wie Pallotta seinen krimischreibenden Gast nennt) Tellern serviert werden, die römische Küche schmackhaft gemacht. Kein Wunder also, wenn der eine oder andere Leser (wie ich) Appetit bekommen sollte, in die nächste Trattoria zu enteilen und jene so detailreich geschilderten Genüsse am eigenen Leib zu erfahren!
Nebenbei erfahren wir beim Lesen auch ein leckeres Rezept für "Baccalà in agrodolce" -vermutlich sogar nach einem alten Familienrezept.

Ob all dieser Vorzüge mag der Leser dem Buch wohl auch gerne nachsehen, dass etwa eine kunstgeschichtliche Facette nur sporadisch ausgebaut ist und sich nur notdürftig ins Ganze fügt. Dass besonders die vielen Ereignisse um Brunetti hie und da recht zusammengetragen erscheinen und die beiden Stränge sich manchmal recht willkürlich verwickeln, entgeht auch dem Autor (den beiden) nicht. Das Lesevergnügen und die Ideenvielfalt des Buches wiegen das mehr als auf. Dieser Krimi ist halt was anderes, ein Krimi mit Witz, und innovativ. Mir fällt wenig, eigentlich nichts ein, was ich gelesen habe, und was vergleichbar wäre.

Zum Aspekt des "Ich-Strangs" und des "Brunetti-Strangs", wie es der Autor selbst nennt, ist außerdem zu sagen: es gibt (wie gesagt) einige Parallelen und Verwicklungen. Auch Brunetti lässt sich im "Pallotta" durchfüttern. Gegenleistung: Er hilft seiner unvergessenen und immer noch angebeteten Barbara herauszufinden, was hinter den Mordvorwürfen gegen ihren Vater steckt und wird selbst immer mehr in die Ereignisse verwickelt. Teils verbinden sich die beiden "Stränge" etwas verwirrend.

Jedenfalls fragt man sich: Saß Jaumann wirklich da? Besonders da es jenes ominöse Roman-Quintett um die fünf Sinne ja wirklich zu geben scheint! Was also ist Fiktion? Das ist nicht immer leicht zu sehen. Im Grunde birgt der Roman also drei Ebenen: den (wieweit fiktiven?) "Ich-Strang", den "Brunetti-Strang" und die Autorenwirklichkeit, die hinter dem Ganzen steckt, und über die wir nichts Konkretes erfahren.

Von meiner Seite: im Großen und Ganzen ein 4-5-Stern Lesevergnügen, leicht bekömmlich, amüsant, atmosphärisch. Ein Stückerl Italien. Vielleicht als Urlaubslektüre für den Italien-Urlaub?


Bernhard Jaumann
Saltimbocca
Roman, Broschur, 266 Seiten
Aufbau Taschenbuch Verlag
€ 9,20 [A]

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