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Mittwoch, 18. März 2009

Walter Kappacher: Der Fliegenpalast

Ob Sie wohl noch auf der Fusch sind?
Ob Sie eine stille Arbeitsmöglichkeit fanden,
ob viel Freude aus der Erinnerung aufsteigt, oder
ob sie nach den früheren Jahren manches vermissen ... ?

(Brief des Freundes Carl an H., S 49)

Walter Kappachers Buch "Der Fliegenpalast" beschreibt einen Auschnitt aus dem Leben Hugo von Hofmannsthals: einige wenige Tage eines Aufenthaltes des Dichters im salzburgischen Kurort Bad Fusch. Der etwa fünfzigjährige Autor arbeitet zu dieser Zeit -es ist das Jahr 1924- an mehreren Werken. Die Arbeit will ihm allerdings nicht von der Hand gehen. Er wechselt, auf ein Ende seiner Schreibblockade hoffend, von Ort zu Ort, erwartet den Augenblick und den Platz, an dem er seine Kreativität und Schaffenskraft wiederfindet. Der Leser erlebt Hofmannsthal in einer Zeit der Niedergeschlagenheit, einer Lebens- und Schaffenskrise, die in seinem Fall auf eine "ruhmreiche Jugend" folgt, in der er sich "einen Namen gemacht (hatte), ohne eigentlich zu begreifen, wie es dazu kam. (...) es waren ihm (während des Aufenthaltes in Fusch) die schwierigen Jahre vor und nach seiner Hochzeit in Erinnerung gekommen. Ich bin ins Leben eingetreten, hatte er Jahre später einmal gedacht, und meine lyrische Begabung ist bei der anderen Tür hinaus. (...) Carl gegenüber hatte er bekannt -er erinnerte sich genau, wo sie gestanden waren (...) - dass er sich als einen in seiner zweiten Lebenshälfte Gescheiterten empfinde." (Auszug)

Der Leser des Buches bewegt sich sehr nah am Autor und an dessen Gedanken und Empfindungen. Dennoch liest er keinen schlichten innernen Monolog oder dergleichen. Kappachers präsentiert ein Buch voller stilistischer Facetten, in das man sich erst ein wenig einlesen muss: Gedanken werden durch den Erzählstrang und die Kommentare und Ausführungen des Erzählers ebenso eingewoben wie Beobachtungen, Gefühle, Erinnerungen oder Briefe. Oft folgen Sätze in erster und Sätze in dritter Person unmittelbar aufeinander- allerdings so verständlich, dass die Lektüre halbwegs aufmerksamen Lesern keine Schwierigkeiten bereiten sollte.

Neben der Schaffenskrise Hofmannsthals stellt der Fliegenpalast aber auch ein ganz persönliches Zeitenpanorama dar: im Erleben des berühmten Dichters treffen Vergangenheit und Gegenwart -die Zeit vor und nach jener tiefgreifenden Zeitenwende, die der Erste Weltkrieg bedeutete- aufeinander. Es ist jene alte Zeit von lange vor dem Kriege, und jene alte Welt, die der Bürgerlichen, der Baronessen, Barone und Sommerfrischen, in welche nie der Krieg mit Brutalität eingebrochen und jene große Zäsur geworden war, die in ihm, H., und in den anderen Personen seines Bekanntenkreises noch lebendig ist.

"Ria Claassen beklagte sich, dass sie kein Programm der Salzburger Festspiele erhalten habe. Unmöglich konnte er Hunderten Leuten mitteilen, dass dieses Jahr keine Festspiele stattfanden und warum. Schon gar nicht die in der Presse kolportierten Gründe: weil eine Darstellerin abgesagt hat, oder aus Geldmangel... Die Hauptursache war vielmehr die katastrophale Lage im ganzen Land, die weiter fortschreitende Geldentwertung. Lebensmittelmangel, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit machten den Einheimischen schwer zu schaffen, sie konnten kein Verständnis aufbringen für Festspiele. Da und dort war in Salzburg auch schon dagegen demonstriert worden. Eine gewisse reaktionäre Presse hetzte. Man hätte jedenfalls befürchten müssen, dass Einheimische die aus ganz Europa und sogar aus Übersee angereisten festlich gekleideten Besucher vor dem Festspielhaus angepöbelt hätten." (Auszug)

Abschließend bleibt mir noch zu sagen, dass ich die Lektüre mochte. Der "Fliegenpalast" ist trotz des zentralen Themas ein ganz ruhiges, gar nicht bedrückendes Buch. "Kappacher", schreibt Hans-Jürgen Schings auf faz.net, "bietet nichts Sensationelles auf, keine Entlarvungen, keine Denunziation, keine radikal neue Sicht. Nirgends erhebt er sich über seinen Autor. Er verzichtet auf jede Anbiederung durch Lob oder durch Kritik. Man hört eigentlich, abgesehen von ein paar Automobilen, die H. faszinierten, keinen lauten Ton." Nach außen hin wie nach innen ist der Fliegenpalast unauffällig, ohne irgend auffällige Reize. Und dennoch (oder genau deshalb) -und dem will ich mich anschließen- heißt es bei Schings weiter: "Ein stiller Sog erfasst den Leser, ohne dass der weiß, wie ihm geschieht."


Walter Kappacher
Der Fliegenpalast
176 Seiten, Hardcover
EUR 17,90 [A]
ISBN: 978-3-701-715-107

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