Viel mehr wiss´ ma jetzt a ned
Generationen schon beobachten die Beiden beim Warten, rätseln was das soll, und trotzdem kennt sich keiner aus. 1966 hat er dann mal vorbeigeschaut, hat aber nicht viel Aufsehen gemacht. Man kann sagen, dass es eigentlich niemand mitgekriegt hat. Und die, die´s mitgekriegt haben, sind daraus auch nicht schlauer geworden. Miodrag Bulatović hat mit "Godot ist gekommen" eine "Variation über ein altes Thema" -Samuel Becketts "Warten auf Godot"- geschrieben und Godot vorbeischneien lassen.
Bild: Aufführung 1965 im Berliner Schillertheater; Quelle: welt.de
Wir begegnen in "Godot ist gekommen" genau den Protagonisten aus Becketts zugrundeliegendem Original. Sie und ihr Verhalten scheinen aber verändert. Sie gebaren sich irgendwie anders, sie wirken irgendwie anders, reden und tun irgendwie anders. An Pozzo hat sich eine deutliche Wandlung vollzogen. Er gibt sich als vom Leben Gelehrter, er hat sein Vermögen ... in Besitz genommen, und zur Sinnlosigkeit der Warterei zuckt er nur mit den Schultern.
Auszüge
Pozzo Genau unter diesem Baum wird schon Jahrtausende gewartet. Auf ihn. Dort ist schon auf ihn gewartet worden, als ich mein Vermögen noch gar nicht in Besitz genommen hatte. Offen gestanden, auch ich hätte ihn manchmal benötigt. Ich habe sogar von ihm geträumt, habe, wach und meiner Sinne Herr, seinen klangvollen und so erregenden Namen ausgesprochen, habe ihn angerufen. (Er unterstreicht seine Worte mit gewichtigen Gesten)
...
Zu Wladimir und Estragon Das ist das Schöne an ihnen, dass sie ihr Kreuz auf sich nehmen. Ich -ein mächtiger Hunne, Eroberer des Südpols und einiger der schönsten Sterne- ich glaube nur an meine eigene, wenn auch bereits verbrauchte Kraft, an die Peitsche und an Lucky, den ich, vergessen sie das nicht, den ich persönlich verrückt gemacht habe. Für sie aber besteht keine, nicht die geringste Hoffnung.
Wladimir Keine Hoffnung? Keine Hoffnung? Keine ...?
Pozzo Keine. Nicht einmal auf die Knochen konnten sie hoffen, die ich ihnen hingeworfen habe und die sie nicht haben essen können.
...
Junge (mit einer Stimme voller Hoffnung) Meine Brüder, seid getrost! Verzweifelt nicht! Verliert die Hoffnung nicht! Godot ist auf der Post! ... Godot ist bei dem Fräulein auf der Post!
Pozzo Er ist also auf der Post. Gut. Wenn ich nicht irre, ist das ganz in der Nähe, gleich über die Bahngleise und den Fluss entlang. Mitten im Sumpf, mitten im Morast. Ich muss schon sagen, es ist ein wenig sonderbar: Was sucht ein so wichtiger Herr und Botschafter in dieser muffigen Bruchbude? Erstens: kann er dort stehen und treten, kann Er dort schalten und walten, sich überhaupt in voller Höhe aufrichten? Ich hoffe doch, es handelt sich um einen Koloss, oder zumindest um einen mittleren Riesen. Und zweitens: Wird denn Er, so wie er ist, wird Er denn überhaupt etwas zu sagen haben zu so einem dürren Waisenkind, das verurteilt ist zum Leben in Erbärmlichkeit?! Was soll ein Konsul kanadischen Blutes, von umfassender Bildung und überschäumender Phantasie schon mit so einer reden! Wenn er gewußt hätte, in welch stinkigen Sumpf, in welche Wüstenei er niedergekommen ist, Er würde schleunigst nach mir verlangen: Denn auch ich bin ein Botschafter, geboren unter Känguruhs, aber erzogen unter dem Gebot, die Menschen zu lieben, ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass sie Zuneigung und Wohlwollen eines so adeligen Herzens, eines so unerschütterlichen Freiheitskämpfers gar nicht verdienen.
...
Alle fahren zusammen. Pozzo zieht ruckartig am Strick.
Junge (unterbricht Wladimirs Stottern, bückt sich und streckt Godot die Hand entgegen, dann zu allen) Habe ich es euch nicht gesagt, dass er kommen wird?
...
Godot (hat die Bühne betreten. Zu allen, grüßt wie ein Mann aus dem Volk) Gott mit euch, liebe Leute! (Er schaut, wem er die Hand zuerst geben soll, geht auf Wladimir zu, der beinahe in Ohnmacht fällt. Er schüttelt Wladimirs Hand, zu ihm) Ich bin Godot ... (Schaut Wladimir an, mißt ihn mit den Blicken) Und du bist vom Zirkus, wie?
Es klingt also spannend, was uns der Titel und Leseprobe versprechen: Godot ein bisschen auf die Spur zu kommen, vielleicht ein paar Vorschläge serviert zu bekommen, oder vielleicht den einen oder anderen Hinweis. Bis dato also -der Auftritt Godots findet im zweiten Akt, etwa bei Seite 40 von 120, statt. Bis zu diesem Zeitpunkt besteht bei mir Interesse. Dann kommt Godot, einige Seiten Auftritt, Einführung der Person. Und dann folgt -Godot diesmal mit von der Partie- absurdes Theater wie im "Warten" selbst; ein viel schlechteres aber. Die Personen quatschen viel und ziehen - ungebremst und unzusammenhängend- ne Immer-in-action-Show ab. Das macht die Lektüre mühsam, das Stück verliert sich im Konfusen.
Ein großer Wurf (respektive ein gutes Stück) ist Bulatovic, das muss ich sagen, nicht gelungen. Wer´s also lässt, dem entgeht meiner Ansicht nach nicht sehr viel: weder künstlerisch noch an Unterhaltung, und über Godot -und würde das nicht jeden reizen?- weis man nachher auch nicht mehr.
Miodrag Bulatović (1930-1991)
Godot ist gekommen
Hanser 1966
Anm. Die Auszüge wurden gewissermaßen eigenwillig zusammengestellt und angeordnet. Ich hoffe, damit einen anschaulichen Ansatz gestaltet habe, der das Original nicht sehr verfälscht wiedergibt.
Dramen zu kritisieren und diskutieren fällt mir schwerer als Prosa; ich bitte daher um Verständnis, wenn die Besprechung für weniger ausgereift wirken sollte.
Bild: Aufführung 1965 im Berliner Schillertheater; Quelle: welt.de
Wir begegnen in "Godot ist gekommen" genau den Protagonisten aus Becketts zugrundeliegendem Original. Sie und ihr Verhalten scheinen aber verändert. Sie gebaren sich irgendwie anders, sie wirken irgendwie anders, reden und tun irgendwie anders. An Pozzo hat sich eine deutliche Wandlung vollzogen. Er gibt sich als vom Leben Gelehrter, er hat sein Vermögen ... in Besitz genommen, und zur Sinnlosigkeit der Warterei zuckt er nur mit den Schultern.
Auszüge
Pozzo Genau unter diesem Baum wird schon Jahrtausende gewartet. Auf ihn. Dort ist schon auf ihn gewartet worden, als ich mein Vermögen noch gar nicht in Besitz genommen hatte. Offen gestanden, auch ich hätte ihn manchmal benötigt. Ich habe sogar von ihm geträumt, habe, wach und meiner Sinne Herr, seinen klangvollen und so erregenden Namen ausgesprochen, habe ihn angerufen. (Er unterstreicht seine Worte mit gewichtigen Gesten)
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Zu Wladimir und Estragon Das ist das Schöne an ihnen, dass sie ihr Kreuz auf sich nehmen. Ich -ein mächtiger Hunne, Eroberer des Südpols und einiger der schönsten Sterne- ich glaube nur an meine eigene, wenn auch bereits verbrauchte Kraft, an die Peitsche und an Lucky, den ich, vergessen sie das nicht, den ich persönlich verrückt gemacht habe. Für sie aber besteht keine, nicht die geringste Hoffnung.
Wladimir Keine Hoffnung? Keine Hoffnung? Keine ...?
Pozzo Keine. Nicht einmal auf die Knochen konnten sie hoffen, die ich ihnen hingeworfen habe und die sie nicht haben essen können.
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Junge (mit einer Stimme voller Hoffnung) Meine Brüder, seid getrost! Verzweifelt nicht! Verliert die Hoffnung nicht! Godot ist auf der Post! ... Godot ist bei dem Fräulein auf der Post!
Pozzo Er ist also auf der Post. Gut. Wenn ich nicht irre, ist das ganz in der Nähe, gleich über die Bahngleise und den Fluss entlang. Mitten im Sumpf, mitten im Morast. Ich muss schon sagen, es ist ein wenig sonderbar: Was sucht ein so wichtiger Herr und Botschafter in dieser muffigen Bruchbude? Erstens: kann er dort stehen und treten, kann Er dort schalten und walten, sich überhaupt in voller Höhe aufrichten? Ich hoffe doch, es handelt sich um einen Koloss, oder zumindest um einen mittleren Riesen. Und zweitens: Wird denn Er, so wie er ist, wird Er denn überhaupt etwas zu sagen haben zu so einem dürren Waisenkind, das verurteilt ist zum Leben in Erbärmlichkeit?! Was soll ein Konsul kanadischen Blutes, von umfassender Bildung und überschäumender Phantasie schon mit so einer reden! Wenn er gewußt hätte, in welch stinkigen Sumpf, in welche Wüstenei er niedergekommen ist, Er würde schleunigst nach mir verlangen: Denn auch ich bin ein Botschafter, geboren unter Känguruhs, aber erzogen unter dem Gebot, die Menschen zu lieben, ohne Rücksicht auf die Tatsache, dass sie Zuneigung und Wohlwollen eines so adeligen Herzens, eines so unerschütterlichen Freiheitskämpfers gar nicht verdienen.
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Alle fahren zusammen. Pozzo zieht ruckartig am Strick.
Junge (unterbricht Wladimirs Stottern, bückt sich und streckt Godot die Hand entgegen, dann zu allen) Habe ich es euch nicht gesagt, dass er kommen wird?
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Godot (hat die Bühne betreten. Zu allen, grüßt wie ein Mann aus dem Volk) Gott mit euch, liebe Leute! (Er schaut, wem er die Hand zuerst geben soll, geht auf Wladimir zu, der beinahe in Ohnmacht fällt. Er schüttelt Wladimirs Hand, zu ihm) Ich bin Godot ... (Schaut Wladimir an, mißt ihn mit den Blicken) Und du bist vom Zirkus, wie?
Es klingt also spannend, was uns der Titel und Leseprobe versprechen: Godot ein bisschen auf die Spur zu kommen, vielleicht ein paar Vorschläge serviert zu bekommen, oder vielleicht den einen oder anderen Hinweis. Bis dato also -der Auftritt Godots findet im zweiten Akt, etwa bei Seite 40 von 120, statt. Bis zu diesem Zeitpunkt besteht bei mir Interesse. Dann kommt Godot, einige Seiten Auftritt, Einführung der Person. Und dann folgt -Godot diesmal mit von der Partie- absurdes Theater wie im "Warten" selbst; ein viel schlechteres aber. Die Personen quatschen viel und ziehen - ungebremst und unzusammenhängend- ne Immer-in-action-Show ab. Das macht die Lektüre mühsam, das Stück verliert sich im Konfusen.
Ein großer Wurf (respektive ein gutes Stück) ist Bulatovic, das muss ich sagen, nicht gelungen. Wer´s also lässt, dem entgeht meiner Ansicht nach nicht sehr viel: weder künstlerisch noch an Unterhaltung, und über Godot -und würde das nicht jeden reizen?- weis man nachher auch nicht mehr.
Miodrag Bulatović (1930-1991)
Godot ist gekommen
Hanser 1966
Anm. Die Auszüge wurden gewissermaßen eigenwillig zusammengestellt und angeordnet. Ich hoffe, damit einen anschaulichen Ansatz gestaltet habe, der das Original nicht sehr verfälscht wiedergibt.
Dramen zu kritisieren und diskutieren fällt mir schwerer als Prosa; ich bitte daher um Verständnis, wenn die Besprechung für weniger ausgereift wirken sollte.
Tarass - 21. Jan, 21:30




