Leo Perutz: Der Marques de Bolibar
Mit dem "Marques de Bolibar" hat Leo Perutz kein eigentlich phantastisches Buch mit mystisch-rätselhafter Handlung geschrieben- auch wenn der Klappentext vom Marques als einem spricht, der über seinen Tod hinaus zum Lenker eines tödlichen Schicksals wird. Die Weise, wie der Marques die Vernichtung zweier deutscher Regimenter durch die Guerilleros herbeiführt, ist hier aber, ist aber kein sonderlich undurchschaubare; das Rätsel darum ist bald erahnt und mutet vielleicht auch etwas seicht an. (Es lautet: wie bringt er, obschon tot, die Offiziere dazu, die Vernichtung ihrer Regimenter selbst herbeizuführen?) Dennoch, einmal durch wird man dem Buch manche innovative Ideen und Kniffe nicht absprechen wollen. Und: es amüsiert das Buch- für Perutz eher untypisch- auf humorvolle Weise:
Wir begleiten eine Horde lärmender, ungehobelter, aber sympatischer Offiziere auf den napoleonischen Feldzügen durch Spanien. Sie kämpfen gegen die Guerilleros des Gerberbottichs, deren heimlicher Kommandant der Marques bald wird. Die Dragoner donnern und fluchen, trinken und brüllen; manch einer, um eine Antwort nicht verlegen, gibt gehörig kontra; manch einer schreitet zu nächtlichen Liebesabenteuern, manch einer gerät in unangenehme Situationen. Das alles erzählt Perutz in amüsantester Weise, sodass man oft schmunzeln muss.
Günther griff nach dem Türgriff und schlug Lärm. "Heda! Senor Don Ramon! Aufgemacht! Es sind Gäste gekommen!"
Im Hause blieb alles still. Die Schneeflocken begannen dichter zu fallen und blieben an unseren Mäntel und Mützen hängen.
...
"Dass dich das Donnerwetter neunundneunzigmal! Mach auf!"
"Wer ist unten!" rief die Stimme.
"Soldaten des Kaisers!"
"Soldaten wollt ihr sein?" kam es zornig zurück. "Leinweber seid ihr! Schornsteinfeger! Privetputzer! Besenbinder!"
"Du Mückenseele, und wer bist du? Laß dich doch in eine Pastete backen, daß man dich endlich sieht!" schrie Brockendorf mit der vollen Kraft seiner Lunge hinauf, aufgeregt darüber, dass man ihnen einen Leinweber und Schornsteinfeger und sogar einen Privetputzer gescholten hatte, einen Angehörigen der Zunft, der die Reinigung der Kloaken oblag.
(Auszug aus dem Buch)
Gegen Ende weicht die Schelmerei zwar etwas der Brisanz der bevorstehenden Kämpfe, aber auch da legen die Protagonisten Draufgängertum und Unbekümmertheit nicht ab. Der "Marques de Bolibar" ist eine Geschichte also von Soldatentum und Völlerei, erotischen Eroberungen, Kampf und Untergang, in der der Marques ein unklare Rolle spielt.
Aber Perutz überrascht uns schließlich: denn er räumt eine phantastische Möglichkeit ein, die sich, bisher unbemerkt im Hintergrunde, erst spät zeigt. "Die Memoiren des Herrn von Jochberg enthalten also mehrere Erklärungen für das Verhalten der nassauischen Offiziere- ... natürliche und übernatürliche" schreibt dazu Hans Harald Müller im Nachwort. Es kommt schließlich doch das zu Stande, was Perutz´ Geschichten ausmacht: die Möglichkeit, dass es doch anders sein könnte, als man dachte.
Für Leser, die sich für militärische Stoffe und raue Gesellen interessieren, also durchaus empfehlenswert. Alle anderen wird Buch aber wahrscheinlich wenig unterhalten, weil diese Dinge doch sehr zentral sind.
Leo Perutz
Der Marques de Bolibar
Roman, dtv Taschenbuch
9,80 [A]
Wir begleiten eine Horde lärmender, ungehobelter, aber sympatischer Offiziere auf den napoleonischen Feldzügen durch Spanien. Sie kämpfen gegen die Guerilleros des Gerberbottichs, deren heimlicher Kommandant der Marques bald wird. Die Dragoner donnern und fluchen, trinken und brüllen; manch einer, um eine Antwort nicht verlegen, gibt gehörig kontra; manch einer schreitet zu nächtlichen Liebesabenteuern, manch einer gerät in unangenehme Situationen. Das alles erzählt Perutz in amüsantester Weise, sodass man oft schmunzeln muss.
Günther griff nach dem Türgriff und schlug Lärm. "Heda! Senor Don Ramon! Aufgemacht! Es sind Gäste gekommen!"
Im Hause blieb alles still. Die Schneeflocken begannen dichter zu fallen und blieben an unseren Mäntel und Mützen hängen.
...
"Dass dich das Donnerwetter neunundneunzigmal! Mach auf!"
"Wer ist unten!" rief die Stimme.
"Soldaten des Kaisers!"
"Soldaten wollt ihr sein?" kam es zornig zurück. "Leinweber seid ihr! Schornsteinfeger! Privetputzer! Besenbinder!"
"Du Mückenseele, und wer bist du? Laß dich doch in eine Pastete backen, daß man dich endlich sieht!" schrie Brockendorf mit der vollen Kraft seiner Lunge hinauf, aufgeregt darüber, dass man ihnen einen Leinweber und Schornsteinfeger und sogar einen Privetputzer gescholten hatte, einen Angehörigen der Zunft, der die Reinigung der Kloaken oblag.
(Auszug aus dem Buch)
Gegen Ende weicht die Schelmerei zwar etwas der Brisanz der bevorstehenden Kämpfe, aber auch da legen die Protagonisten Draufgängertum und Unbekümmertheit nicht ab. Der "Marques de Bolibar" ist eine Geschichte also von Soldatentum und Völlerei, erotischen Eroberungen, Kampf und Untergang, in der der Marques ein unklare Rolle spielt.
Aber Perutz überrascht uns schließlich: denn er räumt eine phantastische Möglichkeit ein, die sich, bisher unbemerkt im Hintergrunde, erst spät zeigt. "Die Memoiren des Herrn von Jochberg enthalten also mehrere Erklärungen für das Verhalten der nassauischen Offiziere- ... natürliche und übernatürliche" schreibt dazu Hans Harald Müller im Nachwort. Es kommt schließlich doch das zu Stande, was Perutz´ Geschichten ausmacht: die Möglichkeit, dass es doch anders sein könnte, als man dachte.
Für Leser, die sich für militärische Stoffe und raue Gesellen interessieren, also durchaus empfehlenswert. Alle anderen wird Buch aber wahrscheinlich wenig unterhalten, weil diese Dinge doch sehr zentral sind.
Leo Perutz
Der Marques de Bolibar
Roman, dtv Taschenbuch
9,80 [A]
Tarass - 12. Jan, 23:14




