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Mittwoch, 7. Januar 2009

Ein Umstrittener: Portrait des Louis-Ferdinand Céline

Unser Leben ist eine Reise
Durch den Winter und die Nacht.
Wir suchen was den Weg uns Weise,
Am Himmel, wo kein Stern uns lacht.
(Lied der Schweizer Garden,
dem Buch vorangestellt
)

"Wenn ich nicht derart genötigt wäre, nicht meine Brötchen verdienen müsste, dann, das sag ich Ihnen gleich, dann würde ich das Ganze vernichten ... vor allem die Reise... das einzige wirklich böse von allen meinen Büchern ist die Reise ... Ich verstehe mich .... der heikle Inhalt ..."

(Vorbemerkung Célines zur franz. Ausgabe der "Reise ans Ende der Nacht")

Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) gehört aufgrund seines Lebensweges und seiner Denkansätze wohl zu einem der anfechtbarsten Schriftsteller des letzten Jahrhunderts. Vor allem seine politischen und antisemitischen Ansichten und seine Kollaboration mit den Nationalsozialisten stellen die heute umstrittenen Punkte an seiner Person dar. "Louis-Ferdinand Céline ist kein vergessener Autor, sondern ein verpönter. Wer seine Bücher liest, muss sich rechtfertigen: Wieso lese man einen solchen Antisemiten, einen üblen Faschisten? Wer keinen wissenschaftlichen Grund vorgeben kann, erntet Naserümpfen." (Jan Free auf zeit online)

Célines künstlerische Ansätze sind eigenwillig. Seine, des späteren Arztes, "sachverständigen" politschen und "weltanschaulichen" Ansichten aber noch mehr- oft dilletantisch, übersteigert und manchmal bis ins menschenverachtende hetzerisch. Er äußert sie in Hetzschriften und Pamphleten öffentlich. "Im befreiten Frankreich ist er verhasst. Ein Prozess wegen Landesverrat gegen ihn endet mit einem Schuldspruch. Das Urteil wird aber 1951 im Rahmen einer allgemeinen Amnestie für Kriegsversehrte wieder aufgehoben, und Céline kehrt nach Frankreich zurück. Dort bleibt er aber ein Außenseiter." (Jan Free auf zeit online)

Seine Kunst aber, die Inhalte der "Reise ans Ende der Nacht" wie die Wrt, in der sie geschrieben ist, bewegten -wenngleich sein weiteres literarisches Werk kaum Bedeutung gefunden hat- bereits zu Lebzeiten die literarische Welt. "Stilistisch eine Attacke auf den gesamten französischen Literaturbetrieb, inhaltlich eine Erschütterung des Selbstverständnisses der Moderne. Mehr als 100 Rezensionen widmen sich der Reise, und sogar die kritischen würdigen die innovative Sprache und die aufrüttelnde Wirkung des Werks ... Als einer der ersten französischen Autoren verfasst er die Erzählpassagen seines Romans nicht in der üblichen Hochsprache, sondern benutzt durchgängig die ungeschönten Sprechweisen der unteren Schichten." (Jan Free auf zeit online)

"Seine singuläre Stimme, sein Ton, sein Rhythmus, so Hinrich Schmidt-Henkel, haben der Literatur einen Anstoss, eine Beschleunigung verpasst ... Vor allem aber ist es seine Sprache, die unweigerlich in Bann schlägt ... Céline hat mit seinen Romanen die französische Literatur schlichtweg umgekrempelt ... Für viele Leser ist Céline trotz aller Zwiespältigkeit ein Kultautor, vor allem mit der Reise ... Auch der amerikanische Schriftsteller Philip Roth löst diesen Zwiespalt nicht, er erträgt ihn aber: "Um die Wahrheit zu sagen, mein Proust in Frankreich, das ist Céline! Er ist wirklich ein sehr großer Schriftsteller. Auch wenn sein Antisemitismus ihn zu einer widerwärtigen, unerträglichen Gestalt macht. Um ihn zu lesen, muss ich mein jüdisches Bewusstsein abschalten, aber das tue ich, denn der Antisemitismus ist nicht der Kern seiner Romane." (Hinrich Schmidt-Henkel im Nachwort zu "Reise ans Ende der Nacht")

"Célines Buch ist hoffnungslos: Zwischen Weltkrieg, Kolonialismus, urbaner Vereinsamung und kapitalistischer Ausbeutung verliert der Protagonist jede Vorstellung von Hoffnung oder Glück ... (Philip Roth, ziziert aus dem Nachwort zu "Reise ans Ende der Nacht")

"Vor wenigen Jahren hat Hinrich Schmidt-Henkel Célines ersten Roman neu übersetzt. Bis dahin musste ein des Französischen unkundiger Leser auf eine 1933 angefertigte, entsprechend zensierte gekürzte Verdeutschung zurückgreifen. Erst die neue Bearbeitung wird der gehetzten, dennoch melodischen und illusionslosen Sprache Célines gerecht. Vielleicht setzt sie auch in Deutschland ein langsames Umdenken in Gang, wonach die Lektüre nicht mehr einer Entschuldigung bedarf."
(Jan Free auf zeit online)

Wie ihr bemerkt habt, ist dieses Portrait zum Großteil aus zwei sehr interessanten Quellen zusammengestellt, auf die ich dankbar verweise:

Buch und Quellen

"Reise ans Ende der Nacht" (rororo Taschenbuch 23658, 672 S., Übersetzung H. Schmidt-Henkel, € 13,4 [A])

"Am Ende steht das Irrenhaus"
von Jan Free | © ZEIT online, 5.2.2008

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