Die Wasserfälle von Slunj
Roman von Heimito von Doderer
Zweimal damit begonnen. Bei ersten mal geplagt, die Gedanken ständig fortgeflogen. Wenig mitgekriegt, bald aufgehört. Nun aber- beim zweiten Mal!
Man muss sich, das glaube ich gewiss, für dieses Buch viel Zeit und Ruhe nehmen. Kommt man der Komplexität mit Aufmerksamkeit bei, dann kann man eintauchen in das, was Doderer schildert- ein Panoptikum an handelnden Personen, vom alten Kapitän Milohnić über die Dirnen Fini und Feverl und die Hausmeisterin Wewerka bis hin zu Donald Clayton und dem Metternich-Club: "Die Wasserfälle von Slunj" schildern das Leben der Menschen in den letzten Jahren der Donaumonarchie in aller Schönheit, Lebendigkeit und Fülle. Das Buch beruhigt, ist wunderbar ruhig zu lesen- denn es erzählt: von einer lang vergangenen Zeit, lang vergangenen Menschen, einer lang vergangenen Welt- mit all ihren Schönheiten, aber auch Kurzsichtigkeiten und Irrtümern. Vielfach würzt "da Dodara" denn auch das Geschehende -nicht bösartig!- mit anständigen Prisen seines ihm eigenen Schelmenhumors. Steckt er sich selbst doch beispielsweise ganz ungeniert in die eine oder andere (ungehörige) Rolle am Rande der Handlung. Dergleichen mag dem einen mehr, dem andern weniger munden, jedenfalls gehörts dazu und nimmt doch Konventionalität und Gleichklang aus dem Zeitenportrait. Wollte ich einen Roman schreiben, ich würde einen solchen schreiben wollen- wenn auch bevorzugt etwas weniger schelmisch! Dieser jedenfalls ist dem Autor ganz hervorragend gelungen, und so haben wir nun einen ganz grossartigen Roman vor uns.
"In die Zeit, welche damals sehr langsam noch verging, sich da und dort in Teichen sammelte, oder, ihres Fließens ganz vergessend, in Tümpeln stand und den Himmel spiegelte, denn wie Tümpel waren ihre so sehr beruhigten Zustände: in diese Zeit floß jetzt der Herbst ein, und noch lange vor einer Verfärbung der Bäume mit einer Veränderung des Luftgeschmacks, und wieder lange vor dieser mit einem gewandelten Licht, wenn man aus einer schattigen Gasse um die Ecke und damit in die Sonne trat." (Auszug)
Besonders schön war für mich dann auch noch, dass ein Gutteil der Handlung dort spielt, wo ich zur Zeit wohne: rund um die Rotundenbrücke, die Rasumovskygasse und den Donaukanal an der Erdberger Lände, bis hinein in den Prater und die heutige Rustenschacher(ehemalige Prinzen)allee und vor zum Fasangarten. Somit alles sehr geeignet für einen historisch-literarischen, verbummelten, vielleicht auch verträumten Spaziergang, den man womöglich dann in ebenjenem Café Zartl ("seit 1883") bei einem "Einspänner" beschließt, in dem auch manch einer der Protagonisten des Buches zu sitzen kam.
Doderer, Heimito von
Die Wasserfälle von Slunj
Roman, 400 Seiten
ISBN 978-3-423-11411-0
€ 11,40 [A]
Autorenphoto: Coverphotographie von "Das Doderer-ABC" von Henner Löffler, erschienen im dtv. Leider vergriffen. Quelle: buchkatalog.de
Zweimal damit begonnen. Bei ersten mal geplagt, die Gedanken ständig fortgeflogen. Wenig mitgekriegt, bald aufgehört. Nun aber- beim zweiten Mal!
Man muss sich, das glaube ich gewiss, für dieses Buch viel Zeit und Ruhe nehmen. Kommt man der Komplexität mit Aufmerksamkeit bei, dann kann man eintauchen in das, was Doderer schildert- ein Panoptikum an handelnden Personen, vom alten Kapitän Milohnić über die Dirnen Fini und Feverl und die Hausmeisterin Wewerka bis hin zu Donald Clayton und dem Metternich-Club: "Die Wasserfälle von Slunj" schildern das Leben der Menschen in den letzten Jahren der Donaumonarchie in aller Schönheit, Lebendigkeit und Fülle. Das Buch beruhigt, ist wunderbar ruhig zu lesen- denn es erzählt: von einer lang vergangenen Zeit, lang vergangenen Menschen, einer lang vergangenen Welt- mit all ihren Schönheiten, aber auch Kurzsichtigkeiten und Irrtümern. Vielfach würzt "da Dodara" denn auch das Geschehende -nicht bösartig!- mit anständigen Prisen seines ihm eigenen Schelmenhumors. Steckt er sich selbst doch beispielsweise ganz ungeniert in die eine oder andere (ungehörige) Rolle am Rande der Handlung. Dergleichen mag dem einen mehr, dem andern weniger munden, jedenfalls gehörts dazu und nimmt doch Konventionalität und Gleichklang aus dem Zeitenportrait. Wollte ich einen Roman schreiben, ich würde einen solchen schreiben wollen- wenn auch bevorzugt etwas weniger schelmisch! Dieser jedenfalls ist dem Autor ganz hervorragend gelungen, und so haben wir nun einen ganz grossartigen Roman vor uns.
"In die Zeit, welche damals sehr langsam noch verging, sich da und dort in Teichen sammelte, oder, ihres Fließens ganz vergessend, in Tümpeln stand und den Himmel spiegelte, denn wie Tümpel waren ihre so sehr beruhigten Zustände: in diese Zeit floß jetzt der Herbst ein, und noch lange vor einer Verfärbung der Bäume mit einer Veränderung des Luftgeschmacks, und wieder lange vor dieser mit einem gewandelten Licht, wenn man aus einer schattigen Gasse um die Ecke und damit in die Sonne trat." (Auszug)
Besonders schön war für mich dann auch noch, dass ein Gutteil der Handlung dort spielt, wo ich zur Zeit wohne: rund um die Rotundenbrücke, die Rasumovskygasse und den Donaukanal an der Erdberger Lände, bis hinein in den Prater und die heutige Rustenschacher(ehemalige Prinzen)allee und vor zum Fasangarten. Somit alles sehr geeignet für einen historisch-literarischen, verbummelten, vielleicht auch verträumten Spaziergang, den man womöglich dann in ebenjenem Café Zartl ("seit 1883") bei einem "Einspänner" beschließt, in dem auch manch einer der Protagonisten des Buches zu sitzen kam.
Doderer, Heimito von
Die Wasserfälle von Slunj
Roman, 400 Seiten
ISBN 978-3-423-11411-0
€ 11,40 [A]
Autorenphoto: Coverphotographie von "Das Doderer-ABC" von Henner Löffler, erschienen im dtv. Leider vergriffen. Quelle: buchkatalog.de
Tarass - 15. Dez, 03:12




