Henning Mankell: Tiefe
"Des Menschen Herz ist tief wie der Ozean" lautet ein (ich glaube afrikanisches) Sprichwort, und könnte -wie ich finde- für Henning Mankells Roman "Tiefe" somit treffender nicht sein.
Mankell erzählt hier die Geschichte eines sich suchenden, sich gleichsam verlierenden Mannes. Im Jahre 1914 begibt sich der Kapitän und Seevermesser der schwedischen Marine Lars Tobiasson-Svartmann hinaus in die Schären vor der Küste Stockholms, um neue, geheime Fahrwasser für die schwedischen Schiffe auszuloten- denn Krieg steht kurz bevor. Der Aufenthalt und die Erlebnisse in den meerumbrandeten, verlassenen Schären löst in Tobiasson, einem äußerst kühlen und kontrollierten Menschen, etwas aus, dessen Ausmaß erst Stück für Stück offenbar wird. Aus anfänglich kleinen Ereignissen und Handlungen heraus, Ausrutschern, unkontrolliertem Zorn, die den Protagonisten über sich selbst staunen machen, entwickelt sich ein immer gewaltsamerer Sog, der Tobiasson und alles um ihn herum Stück für Stück "in die Tiefe" zieht. Das Meer dient Mankell in diesem Buch als Sinnbild für diesen Menschen, in dessen Tiefen -unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche- unkontrollierte, geleugnete Kräfte und Ströme wirken.
Die zerstörerischen Facette seines Handelns wird dem Protagonisten zwar manchmal bewusst, er ist ihr gegenüber aber dennoch völlig hilflos. Unter einer unauffälligen "Oberfläche" bricht mit großer Gewalt das lang geleugnete, lang bekämpfte Wesen eines in Korrektheit erstarrten Menschen hervor. Er verliert unter der Wucht seiner Empfindungen sich selbst (aus den Augen, aus dem Gefühl) und damit gleichsam den Boden unter den Füßen. "Nichts war mehr deutlich. Er konnte einen eigentümlichen Frieden empfinden, doch der war trügerisch und wurde von einem Schmerz durchbrochen, der aus allen Richtungen zugleich zu kommen schien. [...] Die Oberfläche war ruhig, wie ein Meer bei Windstille, aber darunter lauerten alle Kräfte, mit denen er kämpfen musste. Der Ehrgeiz, die Unsicherheit, die Erinnerung an den zornigen Vater und die lautlos weinende Mutter." So provoziert Kapitän Tobiasson-Svartmann denn einen zerstörerischen Fall in die Tiefe, um "den Punkt zu finden, an dem das Lot den Boden nicht berührt" und schreckt schließlich vor nichts zurück, um die Grenzen und Tiefen seiner inneren Welt zu ermessen.
"In dieser Nacht träumte er von einer großen Tiefe. Er hielt sein Lot in Händen wie ein Gewicht und sank durch ein Meer, in dem sich der Wasserdruck nicht bemerkbar machte, obwohl er sich mehrere Kilometer unter der Oberfläche befand.
Es war nicht der Riss im stillen Ozean, wo ein britisches Messschiff angeblich eine Lotleine über zehn Kilometer tief hatte verschwinden sehn, ehe sie den Meeresboden erreichte. Es war eine unbekannte Tiefe, die er entdeckt hatte, und schon während er mit dem Lot in den Händen langsam hinabsank, wusste er, dass sich der Meeresboden auf 15345 Metern befand. Es war eine schwindelnde Tiefe, und darin verbarg sich ein Geheimnis. Ganz da unten gab es eine Welt und ein Leben, die dem entsprachen, was er selbst lebte.
Er sank der Tiefe entgegen, sacht, ganz ruhig, ohne Eile. Seine einzige Sorge war, dass er den Boden nicht erreichen könnte."
Auch über dieses Buch Henning Mankells will ich nur lobende Wort sagen. Die Lektüre hat mir sehr gut gefallen, die Darstellung des Protagonisten, der Sog, die Steigerung seiner Rücksichtslosigkeit (die ja ebenso die Steigerung seiner Hilflosigkeit ist) sind wirklich sehr gelungen. Mit der interessanten Welt der Meerestiefen entsteht ein ebenso interessantes Bild der ungekannten Tiefen eines Wesens, eines "Mannes, der nie ganz und gar sichtbar war, nicht einmal für sich selbst."
Mankell erzählt hier die Geschichte eines sich suchenden, sich gleichsam verlierenden Mannes. Im Jahre 1914 begibt sich der Kapitän und Seevermesser der schwedischen Marine Lars Tobiasson-Svartmann hinaus in die Schären vor der Küste Stockholms, um neue, geheime Fahrwasser für die schwedischen Schiffe auszuloten- denn Krieg steht kurz bevor. Der Aufenthalt und die Erlebnisse in den meerumbrandeten, verlassenen Schären löst in Tobiasson, einem äußerst kühlen und kontrollierten Menschen, etwas aus, dessen Ausmaß erst Stück für Stück offenbar wird. Aus anfänglich kleinen Ereignissen und Handlungen heraus, Ausrutschern, unkontrolliertem Zorn, die den Protagonisten über sich selbst staunen machen, entwickelt sich ein immer gewaltsamerer Sog, der Tobiasson und alles um ihn herum Stück für Stück "in die Tiefe" zieht. Das Meer dient Mankell in diesem Buch als Sinnbild für diesen Menschen, in dessen Tiefen -unter einer scheinbar ruhigen Oberfläche- unkontrollierte, geleugnete Kräfte und Ströme wirken.
Die zerstörerischen Facette seines Handelns wird dem Protagonisten zwar manchmal bewusst, er ist ihr gegenüber aber dennoch völlig hilflos. Unter einer unauffälligen "Oberfläche" bricht mit großer Gewalt das lang geleugnete, lang bekämpfte Wesen eines in Korrektheit erstarrten Menschen hervor. Er verliert unter der Wucht seiner Empfindungen sich selbst (aus den Augen, aus dem Gefühl) und damit gleichsam den Boden unter den Füßen. "Nichts war mehr deutlich. Er konnte einen eigentümlichen Frieden empfinden, doch der war trügerisch und wurde von einem Schmerz durchbrochen, der aus allen Richtungen zugleich zu kommen schien. [...] Die Oberfläche war ruhig, wie ein Meer bei Windstille, aber darunter lauerten alle Kräfte, mit denen er kämpfen musste. Der Ehrgeiz, die Unsicherheit, die Erinnerung an den zornigen Vater und die lautlos weinende Mutter." So provoziert Kapitän Tobiasson-Svartmann denn einen zerstörerischen Fall in die Tiefe, um "den Punkt zu finden, an dem das Lot den Boden nicht berührt" und schreckt schließlich vor nichts zurück, um die Grenzen und Tiefen seiner inneren Welt zu ermessen.
"In dieser Nacht träumte er von einer großen Tiefe. Er hielt sein Lot in Händen wie ein Gewicht und sank durch ein Meer, in dem sich der Wasserdruck nicht bemerkbar machte, obwohl er sich mehrere Kilometer unter der Oberfläche befand.
Es war nicht der Riss im stillen Ozean, wo ein britisches Messschiff angeblich eine Lotleine über zehn Kilometer tief hatte verschwinden sehn, ehe sie den Meeresboden erreichte. Es war eine unbekannte Tiefe, die er entdeckt hatte, und schon während er mit dem Lot in den Händen langsam hinabsank, wusste er, dass sich der Meeresboden auf 15345 Metern befand. Es war eine schwindelnde Tiefe, und darin verbarg sich ein Geheimnis. Ganz da unten gab es eine Welt und ein Leben, die dem entsprachen, was er selbst lebte.
Er sank der Tiefe entgegen, sacht, ganz ruhig, ohne Eile. Seine einzige Sorge war, dass er den Boden nicht erreichen könnte."
Auch über dieses Buch Henning Mankells will ich nur lobende Wort sagen. Die Lektüre hat mir sehr gut gefallen, die Darstellung des Protagonisten, der Sog, die Steigerung seiner Rücksichtslosigkeit (die ja ebenso die Steigerung seiner Hilflosigkeit ist) sind wirklich sehr gelungen. Mit der interessanten Welt der Meerestiefen entsteht ein ebenso interessantes Bild der ungekannten Tiefen eines Wesens, eines "Mannes, der nie ganz und gar sichtbar war, nicht einmal für sich selbst."
Tarass - 14. Aug, 19:16




