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Dienstag, 17. Juni 2008

John Knittel: Via Mala


Foto: rasmus99, flickr

Die "Vorgeschichte" ist in John Knittels Roman ein gewiss wichtiger Teil. Sie nimmt das gesamte erste Buch ein. Hier wird die missliche Lage der Familie Lauretz beschrieben, die, hoch oben in den Bergen, an der Via mala, in einer Sägemühle wohnt. Dort ist kaum Licht, alles ist feucht, und die Schmelzwasser der Gletscher rauschen brausend durch das Flussbett der Yzollo am Hause vorbei talwärts. Dazu kommt noch der Lärm der alten Säge, die kaum die Nacht über stillsteht, und an der von früh bis spät Sohn Niklaus und der Tagelöhner Jöry arbeiten. Das wirkliche Leid bedeutet denen dort oben- den Geschwistern Niklaus und Mannli, der Hanna, der Silvelie, ihrer Mutter, dem Schnufi und auch dem Jöry- nicht das raue Leben, sondern der grausame Vater in ihrer Mitte. Unten im Tale irgendwo treibt er sich herum, der alte Sägemüller Jonas Lauretz, in Wirtsstuben oder bei irgendwelchen ehrlosen Weibern. Immer wieder aber kehrt er zurück, der stämmige alte Säufer, und lässt seine Familie unter seiner unglaublichen Bosheit, unter seinen Schlägen, Beleidigungen, unter seiner Habgier und brutalen Autorität leiden. Nichts als Bosheit kann man in ihm entdecken, und über all die Untaten lacht er den leidenden Menschen nur ins Gesicht.

Dennoch -die Schilderungen all dieser Begebenheiten in den düsteren und lebensfeindlichen Gegenden der Graubündener Bergwelt klingen, wenngleich sie auch meist atmosphärisch sehr dicht sind, dann doch um einen Gutteil spannender, als sich das erste Buch dann tatsächlich liest. Lesefluss und Interesse kamen mir wieder und wieder ins Stocken. Der Grund dafür ist, wie mir scheint, dass die Geschichte um den alten Säufer und Gotteslästerer schlicht ziemlich breitgeredet wird. Obgleich doch schließlich Alles in einen Punkt gipfeln soll, schienen mir während dem Lesen weder ein Ende noch grosse Abwechslung absehbar zu sein. Hätte ich nicht gewusst, was mir folgender Klappentext verriet, mir wäre wohl die Motivation abhanden gekommen:

"Jonas Lauretz, Sägemüller an der Via Mala, wird von seiner Familie ermordet und verscharrt. Der Trunkenbold hatte Frau und Kinder lange Zeit auf unerträgliche Weise schikaniert. Die Leiche bleibt verschollen und das Verbrechen unaufgeklärt - bis der Anwalt Andreas von Richenau Jahre später über die Akten des Falles stolpert. Was passierte damals wirklich? Bei den Recherchen kommt Richenau der schrecklichen Familientragödie auf die Spur - und muss entsetzt feststellen, dass seine eigene Frau eine der beiden Töchter von Lauretz ist ... "

Wie auch immer sich aber der erste Abschnitt liest - mit dem zweiten Buch kommt dann doch Alles recht ordentlich in Fluss, das Interesse erwacht, und man legt Seite um Seite viel müheloser zurück - so zumindest ist es mir ergangen. Die Düsternis hebt sich wie der Vorhang einer Bühne- und die Dinge stehen in neuem Licht da, neue Charaktere treffen auf alte, und man fragt sich mit Spannung: Was wird wohl passieren, wenn Vergangenes ans Licht kommt? Alles in allem ist also "Via mala" für mich doch ein empfehlenswertes Buch mit sehr interessanter Geschichte.
John Knittel: Via Mala; Roman, erhältlich in den Fischer Verlagen

Bilder der Via mala-Schlucht

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