Joseph Roth: Ein Portrait
Joseph Roth wurde im Jahre 1894 in Galizien, dem damaligen Grenzland zwischen der k.u.k. Monarchie und dem russischen Reich, geboren. Im Jahre 1913 inskribierte er im Alter von neunzehn Jahren an der Universität des galizischen Lemberg (Lwow), wechselte aber bereits im zweiten Semester nach Wien. Er und ein Freund waren beide „bei Ausbruch des Krieges Pazifisten. Beide ändern aber [-aus später für ihn nicht wieder nachvollziehbaren Gründen-] ihre Haltung, sie empfinden es als Schande, unnütz in Wien zurückgeblieben zu sein und melden sich freiwillig."(2) Ich würde Roth aber niemals als militant bezeichnen; stets hebt er die Unerbittlichkeit des Krieges hervor, betont stets das Leid, das er bringt. „Die Insassen des Kriegsspitals Numero XXIV [...] waren blind oder lahm. Sie hinkten. Sie erwarteten eine Amputation oder waren bereits amputiert. Weit hinter ihnen lag der Krieg. Vergessen hatten sie die Abrichtung; den Feldwebel; den Herrn Hauptmann; die Marschkompanie; den Feldprediger; Kaisers Geburtstag; die Menage; den Schützengraben; den Sturm. Ihr Frieden mit dem Feind war besiegelt. Sie rüsteten schon zu einem neuen Krieg; gegen die Schmerzen; gegen die Prothesen; gegen die lahmen Gliedmaßen; gegen die krummen Rücken; gegen die Nächte ohne Schlaf; und gegen die Gesunden.“ (5)
Nach seiner Teilnahme am ersten Weltkrieg und nachdem er sein Studium aus finanziellen Gründen abgebrochen hatte, begann Roth für einige neue, kritische, leider aber nur kurzlebige Zeitungen zu schreiben. Er verarbeitete damals in seinen Feuilletons Gedanken, „die“, so Helmut Peschina, „aus dem Geist der Stunde geboren waren.“ (2) Roth lebte und schrieb also zuerst in Wien, dann, ab dem Jahre 1920, in Berlin. 1923 kehrte er wieder nach Wien zurück. Er reiste auch sonst viel herum- außerordentlich viel. Einen „Großteil“, schreibt man in „Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag“ (wahrscheinlich doch etwas aufbauschend), "seines Lebens verbrachte er in Hotels, ohne festen Wohnsitz."(4) Wie viele andere emigrierte Roth 1933 nach Frankreich, wo er bereits 1939, im Alter von 45 Jahren starb.
Werk
Es sind einfache Menschen, von denen Joseph Roth in seinen Romanen, Erzählungen und Feuilletons schreibt, und oft mutet es an, als säße man neben ihm, und er erzähle einem von jenen, die dereinst, in der „alten Zeit“, hier gelebt hatten. In seinen Worten klingt stets tiefe Zuneigung zu seiner Heimat, tiefes Verständnis für alles Menschliche, liebevoller Respekt vor allem Lebendigen an. Sein Stil und seine Themen sind facettenreich; bald ist er Erzähler menschlicher Schicksale, bald aufmerksamer Beobachter der sozialen und politischen Fragen seiner Zeit. Roth ist zeitlebens ebensowenig Verfechter bedingungsloser Neuerung (im Gegenteil, er kritisiert sie sogar scharf) wie Fürsprecher alles Althergebrachten- er ist ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit, dessen Blick stets auf die Menschen gerichtet bleibt.
Wenngleich Roth auch Zeit seines Lebens gewissermaßen „zwischen den Stühlen“ lebte, Cosmopolit war (viele Großstädte Europas waren ihm auch durch seine zahlreichen Reisen bekannt), so blieb er doch stets eng mit seiner Heimat verbunden. Ihn prägten Galizien, Wien, die Monarchie- und schließlich der Zerfall seiner „alten Heimat“, dem „Haus mit vielen Türen und vielen Zimmern, für viele Arten von Menschen“ (1) und jenes Ende der „Alten Zeit“. Seine innige Verbundenheit zum bunten Leben in der Monarchie, zum „Bleibendem im ewig Wandelbaren“ (1) , und sein inniges Interesse für die Fragen seiner Zeit werden in vielen seiner Werke, besonders augenfällig aber in der Erzählung „Die Büste des Kaisers“, deutlich. Immer wieder taucht diese Zuneigung in seinen Büchern auf.
Roth setzt einer untergegangenen Welt, jener von „damals, vor dem großen Kriege“ (3) , mit seinem Werk ein Denkmal. Nie aber fehlt darin auch Kritik an dem, was erstarrt, was morsch und taub war an und in diesem Lande. Die Menschen Ostgaliziens sind ihm immer wieder Sinnbilder für das Zuendegehen, das in-sich-Zerfallen einer Zeit, der „alten Welt“. Hier zeigt sich früh bereits jene Instabilität, die später ganz Europa wie Fieber befallen und von Grund auf verändern sollte. In dieser armen Gegend sieht man lange vorher, "weitab von den prachtvollen Fassaden", das große Gefüge bröckeln.

Quelle: http://www.vienna-life.com/media/pics/radetzky-march-joseph-roth.jpg
Wohlgemerkt- Joseph Roth war aber keiner, der den Untergang der Monarchie prophezeite; vielleicht ahnte er selbst nicht, was passierte, welche Bedeutung die Jahre des Krieges schließlich bekommen sollten. Das „neue Europa“, wie ich es nennen möchte, jenes des Friedens und des Wohlstands, lernte er nie kennen. Er starb 1939 im Alter von 45 Jahren. So muss es also für ihn gewesen sein, als ob etwas stabiles zerfalle und nie wieder zur Ruhe komme. Der erste Weltkrieg blieb für ihn immer der „gewaltigste aller Kriege“(1), der eine ebenso gewaltige Wende bedeutete .
Wenige jener bedingungslosen Neuerungen, jener oft unkontrollierten, auch unfreiwilligen („Denn es ist einer der größten Irrtümer der neuen- oder wie sie sich gerne nennen: modernen- Staatsmänner, dass das Volk (die “Nation“) sich ebenso leidenschaftlich für die Weltpolitik interessiert wie sie selber.“ (1) ) Modernität kommt in seinen Berichten ungeschoren davon: Kanzler Renner, der hinter einem neuen großen Zaun in einem „schmucken Pavillon“ im Hofpark, „fern vom Lärm des Tages“, arbeitet; die drastische Radikalität „ehrgeiziger und rebellischer Weltverbesserer“; das „hohle Pathos der Revolutionäre“ (2). Auch den „zeitkritschen“ Literaturbetrieb scheut er nicht zu parodieren. „Es gibt da ein paar ganz besonders strenge Lehrer, in unserer Schule heißen sie Kritiker. Manche sind zwar nicht ohne Humor, aber ihr Pflichtbewusstsein ist doch stärker entwickelt. Am meisten fürchte ich mich vor jenen, welche die Lehrfächer: Weltanschauung, Aktualität, Gesinnung und Weltveränderung unterrichten. (...) Am strengsten sind die Lehrer der Fächer: »Neue Zeit« und »Gegenwart«.(...) Sie leben in der kurzsichtigen, ja wahnwitzigen Überzeugung, sie würden, weil sie sprechen auch gehört und, weil sie schreiben, auch gelesen. (...) Sie halten mich für einen Spötter. (...) [Aber es ist] kein leichtfertiger Irrtum, zu glauben, dass die entscheidenden, weil zahlenden Menschen vor allem etwas von Börsenberichten halten und gar nichts von literarischen, mögen diese auch in der nächsten Nachbarschaft jener gedruckt werden. Und es ist, glaube ich, eine vergebliche Anstrengung unserer Lehrer, der Zeit zu sagen, was sie braucht, und der Welt, wodurch sie sich verändere. Die Welt hört sich nicht, die Zeit wandelt sich nicht. Sie braust nur dahin.“(4)
Vor allem aber schreibt er, die „neuen“ Werte (oder deren Fehlen) aufs äußerste in Frage stellend, gegen jene „Gesellschaft, die in allen Hauptstädten der allgemein besiegten europäischen Welt (...) mit satten und dennoch unersättlichen Mäulern das Vergangene lästerte, die Gegenwart ausbeutete und das Zukünftige preisend verkündete.“ (1) „Um den Sieg dieser [satten und unersättlichen Gesellschaft] vorzubereiten, waren Hundertausende unter Qualen gestorben.- und Hunderte durchaus ehrlicher Sittenprediger hatten den Untergang der Monarchie vorbereitet, ihren Zerfall herbeigesehnt und die Befreiung der Nationen! Nun aber, siehe da: Auf dem Grabe der alten Welt und rings um die Wiegen der neugeborenen Nationen und Sezessionsstaaten tanzen [jene] Gespenster der American Bar.“ (1) Was er hier mitansehen muss, schmerzt ihn ebenso wie das Leid der Armen.
Von ganz anderer, weniger traurig-spöttisch-kopfschüttelnder als besorgter Art sind seine Beobachtungen einer ganz anderen Entwicklung: Bereits 1923 betont er im Roman „Das Spinnennetz“ warnend jenes Phänomen des immer stärker hervortretenden Rechtsradika-lismus. In seinem Roman sind es Enttäuschung und Desillusionierung, Armut und Perspektivlosigkeit, die in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg einen jungen deutschen Leutnant (wie so viele andere auch) zu willigen Mitläufern machen.
Unablässig betont Roth stets die Vielfalt als Vorteil. Gesinnung und Einheit- und vor allem einheitliche Gesinnung – sind für ihn äußerst bedenkliche Entwicklungen.
Während im Rest Europas solche solche oder ähnliche Tendenzen entwickelten, blieb Galizien für ihn lange Zeit jene alte, kleine „Filiale der großen Welt, mit vielen Sprachen, vielen Gesinnungen“. 1924 reist er nachn Lemberg. Er schreibt in Artikeln über diese Reise: „Hier hörte man immer Deutsch, Polnisch, Ruthenisch. Man spricht heute Polnisch, Deutsch und Ruthenisch. In der Nähe des Theaters, das am unteren Ende die Straße abgrenzt, sprechen die Menschen Jiddisch. Immer sprachen sie so in dieser Gegend. Sie werden wahrscheinlich niemals anders reden.
Gegen diese Vielsprachigkeit wehrt sich das neugestärkte durch die jüngste Entwicklung der Geschichte gewissermaßen bestätigte polnische Nationalbewusstsein- mit Unrecht. Junge und kleine Nationen sind empfindlich. Große sind es manchmal auch. Nationale und Sprachliche Einheitlichkeit kann eine Stärke sein, nationale und sprachliche Vielfältigkeit sind es immer. In diesem Sinn ist Lemberg eine Bereicherung des polnischen Staates. (...) Die Stadt ist ein bunter Fleck (...) . Ich wüsste nicht, wem das schaden könnte.“
Roth schaut auf die kleinen Dinge, in denen sich doch auch so oft Hoffnung und Schönheit verstecken. Er schildert ungewöhnliche, für das Leben dort aber so typische Begebenheiten (mit denen ich nun auch schließen möchte), und man hört ihm an, dass er sich darin heimisch fühlt: „Ich sah einen Oberleutnant mit vielen Kriegsauszeichnungen und bunten Bändchen an der Brust. In der Hand trug er ein Glas »Eingemachtes«. Seiner Frau hielt er den Marktkorb. Dieser Kopfsprung ins Ewig-Menschliche, ins Private, ins Häusliche versöhnt mit den kriegerischen Wolken aus Sporenklang und Ordensglanz. In anderen Städten trägt ein »Bursche«, drei Schritte hinter den Herrschaften Oberleutnants, das Eingemachte. Manchmal ist es gut zu sehen, daß ein Oberleutnant ein Mensch ist.“ (4)
Einige Empfehlungen aus dem Werk Joseph Roths:
"Der Leviathan" in "Der Leviathan"- Erzählungen; KiWi paperback
"Die Büste des Kaisers" in "Der Leviathan"-Erzählungen; KiWi paperback
"Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag"- Ein Leben in Selbstzeugnissen; KiWi paperback
"Kaffeehaus-Frühling"- Ein Wien-Lesebuch, herausgegeben von Helmut Peschina; KiWi paperback
"Das Falsche Gewicht"- Roman; KiWi paperback
"Hiob"- Roman; KiWi gebunden oder dtv Taschenbuch
"Radetzkymarsch"- Roman; KiWi gebunden oder dtv Taschenbuch
"Die Rebellion"- Roman; KiWi paperback
„Radetzkymarsch“- Verfilmung des Romans nach Joseph Roth; Regie: Michael Kehlmann; erhältlich in: Edition Der Standard / Der österreichische Film: #37
Brüder im Geiste
Manés Sperber
Stefan Zweig
Alexander Lernet-Holenia
Hermann Broch
Alfred Polgar
Heimito von Doderer
Zitate
(1) aus: „Die Büste des Kaisers“ (s.o.)
(2) aus: „Kaffeehausfrühling“ : Vorwort (s.o.)
(3) aus: „Radetzkymarsch“ (Verfilmung, s.o.)
(4) aus: „Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag“ (s.o.)
(5) aus: „Die Rebellion“ (s.o.)
Intention: Wie bei den andern Portraits gilt auch hier: es ist ein persönliches. Ich habe es -Fakten betreffend- nach bestem Wissen geschrieben, kann aber mich aber für deren Richtigkeit nicht verbürgen. Die Absicht dieses Portraits und sein eigentlicher Inhalte sind meine Gedanken Joseph Roth und s
seinem Werk.
Nach seiner Teilnahme am ersten Weltkrieg und nachdem er sein Studium aus finanziellen Gründen abgebrochen hatte, begann Roth für einige neue, kritische, leider aber nur kurzlebige Zeitungen zu schreiben. Er verarbeitete damals in seinen Feuilletons Gedanken, „die“, so Helmut Peschina, „aus dem Geist der Stunde geboren waren.“ (2) Roth lebte und schrieb also zuerst in Wien, dann, ab dem Jahre 1920, in Berlin. 1923 kehrte er wieder nach Wien zurück. Er reiste auch sonst viel herum- außerordentlich viel. Einen „Großteil“, schreibt man in „Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag“ (wahrscheinlich doch etwas aufbauschend), "seines Lebens verbrachte er in Hotels, ohne festen Wohnsitz."(4) Wie viele andere emigrierte Roth 1933 nach Frankreich, wo er bereits 1939, im Alter von 45 Jahren starb.
Werk
Es sind einfache Menschen, von denen Joseph Roth in seinen Romanen, Erzählungen und Feuilletons schreibt, und oft mutet es an, als säße man neben ihm, und er erzähle einem von jenen, die dereinst, in der „alten Zeit“, hier gelebt hatten. In seinen Worten klingt stets tiefe Zuneigung zu seiner Heimat, tiefes Verständnis für alles Menschliche, liebevoller Respekt vor allem Lebendigen an. Sein Stil und seine Themen sind facettenreich; bald ist er Erzähler menschlicher Schicksale, bald aufmerksamer Beobachter der sozialen und politischen Fragen seiner Zeit. Roth ist zeitlebens ebensowenig Verfechter bedingungsloser Neuerung (im Gegenteil, er kritisiert sie sogar scharf) wie Fürsprecher alles Althergebrachten- er ist ein aufmerksamer Beobachter seiner Zeit, dessen Blick stets auf die Menschen gerichtet bleibt.
Wenngleich Roth auch Zeit seines Lebens gewissermaßen „zwischen den Stühlen“ lebte, Cosmopolit war (viele Großstädte Europas waren ihm auch durch seine zahlreichen Reisen bekannt), so blieb er doch stets eng mit seiner Heimat verbunden. Ihn prägten Galizien, Wien, die Monarchie- und schließlich der Zerfall seiner „alten Heimat“, dem „Haus mit vielen Türen und vielen Zimmern, für viele Arten von Menschen“ (1) und jenes Ende der „Alten Zeit“. Seine innige Verbundenheit zum bunten Leben in der Monarchie, zum „Bleibendem im ewig Wandelbaren“ (1) , und sein inniges Interesse für die Fragen seiner Zeit werden in vielen seiner Werke, besonders augenfällig aber in der Erzählung „Die Büste des Kaisers“, deutlich. Immer wieder taucht diese Zuneigung in seinen Büchern auf.
Roth setzt einer untergegangenen Welt, jener von „damals, vor dem großen Kriege“ (3) , mit seinem Werk ein Denkmal. Nie aber fehlt darin auch Kritik an dem, was erstarrt, was morsch und taub war an und in diesem Lande. Die Menschen Ostgaliziens sind ihm immer wieder Sinnbilder für das Zuendegehen, das in-sich-Zerfallen einer Zeit, der „alten Welt“. Hier zeigt sich früh bereits jene Instabilität, die später ganz Europa wie Fieber befallen und von Grund auf verändern sollte. In dieser armen Gegend sieht man lange vorher, "weitab von den prachtvollen Fassaden", das große Gefüge bröckeln.

Quelle: http://www.vienna-life.com/media/pics/radetzky-march-joseph-roth.jpg
Wohlgemerkt- Joseph Roth war aber keiner, der den Untergang der Monarchie prophezeite; vielleicht ahnte er selbst nicht, was passierte, welche Bedeutung die Jahre des Krieges schließlich bekommen sollten. Das „neue Europa“, wie ich es nennen möchte, jenes des Friedens und des Wohlstands, lernte er nie kennen. Er starb 1939 im Alter von 45 Jahren. So muss es also für ihn gewesen sein, als ob etwas stabiles zerfalle und nie wieder zur Ruhe komme. Der erste Weltkrieg blieb für ihn immer der „gewaltigste aller Kriege“(1), der eine ebenso gewaltige Wende bedeutete .
Wenige jener bedingungslosen Neuerungen, jener oft unkontrollierten, auch unfreiwilligen („Denn es ist einer der größten Irrtümer der neuen- oder wie sie sich gerne nennen: modernen- Staatsmänner, dass das Volk (die “Nation“) sich ebenso leidenschaftlich für die Weltpolitik interessiert wie sie selber.“ (1) ) Modernität kommt in seinen Berichten ungeschoren davon: Kanzler Renner, der hinter einem neuen großen Zaun in einem „schmucken Pavillon“ im Hofpark, „fern vom Lärm des Tages“, arbeitet; die drastische Radikalität „ehrgeiziger und rebellischer Weltverbesserer“; das „hohle Pathos der Revolutionäre“ (2). Auch den „zeitkritschen“ Literaturbetrieb scheut er nicht zu parodieren. „Es gibt da ein paar ganz besonders strenge Lehrer, in unserer Schule heißen sie Kritiker. Manche sind zwar nicht ohne Humor, aber ihr Pflichtbewusstsein ist doch stärker entwickelt. Am meisten fürchte ich mich vor jenen, welche die Lehrfächer: Weltanschauung, Aktualität, Gesinnung und Weltveränderung unterrichten. (...) Am strengsten sind die Lehrer der Fächer: »Neue Zeit« und »Gegenwart«.(...) Sie leben in der kurzsichtigen, ja wahnwitzigen Überzeugung, sie würden, weil sie sprechen auch gehört und, weil sie schreiben, auch gelesen. (...) Sie halten mich für einen Spötter. (...) [Aber es ist] kein leichtfertiger Irrtum, zu glauben, dass die entscheidenden, weil zahlenden Menschen vor allem etwas von Börsenberichten halten und gar nichts von literarischen, mögen diese auch in der nächsten Nachbarschaft jener gedruckt werden. Und es ist, glaube ich, eine vergebliche Anstrengung unserer Lehrer, der Zeit zu sagen, was sie braucht, und der Welt, wodurch sie sich verändere. Die Welt hört sich nicht, die Zeit wandelt sich nicht. Sie braust nur dahin.“(4)
Vor allem aber schreibt er, die „neuen“ Werte (oder deren Fehlen) aufs äußerste in Frage stellend, gegen jene „Gesellschaft, die in allen Hauptstädten der allgemein besiegten europäischen Welt (...) mit satten und dennoch unersättlichen Mäulern das Vergangene lästerte, die Gegenwart ausbeutete und das Zukünftige preisend verkündete.“ (1) „Um den Sieg dieser [satten und unersättlichen Gesellschaft] vorzubereiten, waren Hundertausende unter Qualen gestorben.- und Hunderte durchaus ehrlicher Sittenprediger hatten den Untergang der Monarchie vorbereitet, ihren Zerfall herbeigesehnt und die Befreiung der Nationen! Nun aber, siehe da: Auf dem Grabe der alten Welt und rings um die Wiegen der neugeborenen Nationen und Sezessionsstaaten tanzen [jene] Gespenster der American Bar.“ (1) Was er hier mitansehen muss, schmerzt ihn ebenso wie das Leid der Armen.
Von ganz anderer, weniger traurig-spöttisch-kopfschüttelnder als besorgter Art sind seine Beobachtungen einer ganz anderen Entwicklung: Bereits 1923 betont er im Roman „Das Spinnennetz“ warnend jenes Phänomen des immer stärker hervortretenden Rechtsradika-lismus. In seinem Roman sind es Enttäuschung und Desillusionierung, Armut und Perspektivlosigkeit, die in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg einen jungen deutschen Leutnant (wie so viele andere auch) zu willigen Mitläufern machen.
Unablässig betont Roth stets die Vielfalt als Vorteil. Gesinnung und Einheit- und vor allem einheitliche Gesinnung – sind für ihn äußerst bedenkliche Entwicklungen.
Während im Rest Europas solche solche oder ähnliche Tendenzen entwickelten, blieb Galizien für ihn lange Zeit jene alte, kleine „Filiale der großen Welt, mit vielen Sprachen, vielen Gesinnungen“. 1924 reist er nachn Lemberg. Er schreibt in Artikeln über diese Reise: „Hier hörte man immer Deutsch, Polnisch, Ruthenisch. Man spricht heute Polnisch, Deutsch und Ruthenisch. In der Nähe des Theaters, das am unteren Ende die Straße abgrenzt, sprechen die Menschen Jiddisch. Immer sprachen sie so in dieser Gegend. Sie werden wahrscheinlich niemals anders reden.
Gegen diese Vielsprachigkeit wehrt sich das neugestärkte durch die jüngste Entwicklung der Geschichte gewissermaßen bestätigte polnische Nationalbewusstsein- mit Unrecht. Junge und kleine Nationen sind empfindlich. Große sind es manchmal auch. Nationale und Sprachliche Einheitlichkeit kann eine Stärke sein, nationale und sprachliche Vielfältigkeit sind es immer. In diesem Sinn ist Lemberg eine Bereicherung des polnischen Staates. (...) Die Stadt ist ein bunter Fleck (...) . Ich wüsste nicht, wem das schaden könnte.“
Roth schaut auf die kleinen Dinge, in denen sich doch auch so oft Hoffnung und Schönheit verstecken. Er schildert ungewöhnliche, für das Leben dort aber so typische Begebenheiten (mit denen ich nun auch schließen möchte), und man hört ihm an, dass er sich darin heimisch fühlt: „Ich sah einen Oberleutnant mit vielen Kriegsauszeichnungen und bunten Bändchen an der Brust. In der Hand trug er ein Glas »Eingemachtes«. Seiner Frau hielt er den Marktkorb. Dieser Kopfsprung ins Ewig-Menschliche, ins Private, ins Häusliche versöhnt mit den kriegerischen Wolken aus Sporenklang und Ordensglanz. In anderen Städten trägt ein »Bursche«, drei Schritte hinter den Herrschaften Oberleutnants, das Eingemachte. Manchmal ist es gut zu sehen, daß ein Oberleutnant ein Mensch ist.“ (4)
Einige Empfehlungen aus dem Werk Joseph Roths:
"Der Leviathan" in "Der Leviathan"- Erzählungen; KiWi paperback
"Die Büste des Kaisers" in "Der Leviathan"-Erzählungen; KiWi paperback
"Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag"- Ein Leben in Selbstzeugnissen; KiWi paperback
"Kaffeehaus-Frühling"- Ein Wien-Lesebuch, herausgegeben von Helmut Peschina; KiWi paperback
"Das Falsche Gewicht"- Roman; KiWi paperback
"Hiob"- Roman; KiWi gebunden oder dtv Taschenbuch
"Radetzkymarsch"- Roman; KiWi gebunden oder dtv Taschenbuch
"Die Rebellion"- Roman; KiWi paperback
„Radetzkymarsch“- Verfilmung des Romans nach Joseph Roth; Regie: Michael Kehlmann; erhältlich in: Edition Der Standard / Der österreichische Film: #37
Brüder im Geiste
Manés Sperber
Stefan Zweig
Alexander Lernet-Holenia
Hermann Broch
Alfred Polgar
Heimito von Doderer
Zitate
(1) aus: „Die Büste des Kaisers“ (s.o.)
(2) aus: „Kaffeehausfrühling“ : Vorwort (s.o.)
(3) aus: „Radetzkymarsch“ (Verfilmung, s.o.)
(4) aus: „Sehnsucht nach Paris, Heimweh nach Prag“ (s.o.)
(5) aus: „Die Rebellion“ (s.o.)
Intention: Wie bei den andern Portraits gilt auch hier: es ist ein persönliches. Ich habe es -Fakten betreffend- nach bestem Wissen geschrieben, kann aber mich aber für deren Richtigkeit nicht verbürgen. Die Absicht dieses Portraits und sein eigentlicher Inhalte sind meine Gedanken Joseph Roth und s
seinem Werk.
Tarass - 4. Jun, 20:39




