Senilità - Ein Mann wird älter
Roman von Italo Svevo (Bild)
"Er versuchte immer noch, die beiden über die Bedeutung zu täuschen , die sein Liebesabenteuer für ihn gewonnen hatte. Er täuschte sich ja selbst darüber. Er ging sogar soweit, Balli einreden zu wollen, er sei froh darüber, daß Angiolina jetzt an manchen Abenden beschäftigt war, denn so habe er sie nicht alle Tage am Hals. Er musste freilich erröten, als Balli ihn mit seinen forschenden Augen ruhig ansah. Emilio wußte nicht mehr, wie ihm verbergen, was ihn so leidenschaftlich bewegte, daher begann er, sich über Angiolina lustig zu machen. Er spottete über gewisse Eigenschaften, die er an ihr beobachtet hatte. Diese Beobachtungen waren durchaus zutreffend, nur beeinträchtigten sioe seine zärtlichen Gefühle für Angiolina in keiner Weise. Es gelang ihm, ziemlich ungezwungen zu lachen, aber Balli, der ihn alzu gut kannte, entdeckte in diesem Lachen einen falschen Ton. Emilio lachte allein. [...] War er hingegen mit Angiolina beisammen, dann gab er sich ganz seinen zärtlichen Gefühlen hin."
Textausschnitt folgt der im Verlag Klaus Wagenbach erschienenen Ausgabe, 2. Auflage, 2004 (siehe Abb.)
In Italo Svevos Roman "Senilità", dessen deutsche Übersetzung den schlichten Titel "Ein Mann wird älter" trägt, erzählt der in Triest geborene Autor vom Leben des Versicherungsangestellten Emilio, der in der Mitte seiner Jahre noch einmal ein Abenteuer erfährt, als er sich auf die liebe zur jungen, schönen angiolina einlässt. - Ein bekanntes Motiv, das auch heute noch oft aufgegriffen wird. Was mir aber hier gut daran gefällt, ist, dass es keinen großen Umbruch gibt. Hier reist niemand zu seinen Wurzeln, hier lässt niemand sein Leben hinter sich oder folgt einer bisher nur in ihm schlafenden Berufung. "Er liebte es, [heißt es im Buch,] in Bildern zu denken, und da sah er sein Leben als einen geraden, gleichförmigen Weg [...]: von der Stelle an, wo er Angiolina begegnet war, begann der Weg sich aufwärts zu winden und zweigte in eine Gegend ab, die von Bäumen, Blumen und Bergen abwechslungsreich belebt wurde. Es war nur ein kurzes Stück, dann führte der Weg wieder hinab ins Tal, wurde eben und sicher wie zuvor."
Und trotzdem - durch Svevos liebevolle Sprache besteht kein Zweifel an der Fülle der Leben dieser Menschen. Es besteht kein Zweifel, dass es ihr Leben ist, und dass sie es mit Leidenschaft leben. Seite um Seite lässt der Autor aber auch beständig Ironie anklingen, wenn er die "kleinen Lügen" aufdeckt, die in diesem Buch zwischen allen Personen wie Spinnennetze gespannt sind. In "Ein Mann wird älter" entspinnt sich schlicht und einfach zwischen dem, was Tag um Tag passiert eine Leidenschaft, in der sich am Beispiel des Emilio noch einmal ein Abglanz all der frühen, ungestümen Lieb- und Leidenschaften zeigt. Es ist die Geschichte eines einfachen Lebens, gewöhnlicher Ereignisse, aber auch ein Reigen um die "kleine Lüge". Ob Svevos feinsinniger, lächelnd-ironischer Beschreibungen fehlt es ihr weder an milder Heiterkeit noch an Klugheit. Aber -aufgrund des deutlichen Mangels an Spannung- allerdings auch -das will gesagt sein- ein Buch, bei dem meine Motivation mit den Seiten doch deutlich nachgelassen hat.
Senilità ("Ein Mann wird älter") wurde als Svevos zweiter Roman bereits 1898 erstmals aufgelegt, erweckte allerdings damals weder die Aufmerksamkeit des Publikums noch der Kritik. "Möglicherweise trug zu diesem Mißerfolg das überaus bescheidene Gewand bei, in dem das Buch sich darbot." So distanzierte sich auch der Autor selbst nach der "mißglückten" Erstauflage für 25 Jahre vom Buch, und empfand es in dieser Zeit als unbedeutendes Werk an. Als da Buch dann aber durch ein Lob James Joyces neu aufgelegt wurde, und der "Männer vom Range eines Benjamin Crémieux und eines Valery Larbaud [...] ihre Zeit und Zuneigung [schenkten]", erwachte auch in Svevo wieder jene Zuneigung zur Geschichte, mit der er sie damals niederschrieb. "Larbaud meint, daß dem Roman der Titel, den er trägt, nicht gemäß sei. Auch ich muss nun, da ich weiß was wirkliches Alter ist, manchmal darüber lächeln, dass ich ihm einen Exzess in der Liebe zugeschrieben habe. [...] Und dennoch: Es käme mir vor, als würde ich das Buch verstümmeln, wenn ich ihm seinen Titel nähme, der, wie mir scheint, einiges zu erklären und zu entschuldigen vermag. Dieser Titel hat mich geleitet, ich habe ihn erlebt.
So bleibe denn dieser Roman, wie er ist, und ich lege ihn dem Leser nur mit einigen rein formalen Änderungen wieder vor."
(Zitate aus dem Vorwort von Italo Svevo zur zweiten italienischen Auflage, Triest am 1. März 1927)
"Er versuchte immer noch, die beiden über die Bedeutung zu täuschen , die sein Liebesabenteuer für ihn gewonnen hatte. Er täuschte sich ja selbst darüber. Er ging sogar soweit, Balli einreden zu wollen, er sei froh darüber, daß Angiolina jetzt an manchen Abenden beschäftigt war, denn so habe er sie nicht alle Tage am Hals. Er musste freilich erröten, als Balli ihn mit seinen forschenden Augen ruhig ansah. Emilio wußte nicht mehr, wie ihm verbergen, was ihn so leidenschaftlich bewegte, daher begann er, sich über Angiolina lustig zu machen. Er spottete über gewisse Eigenschaften, die er an ihr beobachtet hatte. Diese Beobachtungen waren durchaus zutreffend, nur beeinträchtigten sioe seine zärtlichen Gefühle für Angiolina in keiner Weise. Es gelang ihm, ziemlich ungezwungen zu lachen, aber Balli, der ihn alzu gut kannte, entdeckte in diesem Lachen einen falschen Ton. Emilio lachte allein. [...] War er hingegen mit Angiolina beisammen, dann gab er sich ganz seinen zärtlichen Gefühlen hin."
Textausschnitt folgt der im Verlag Klaus Wagenbach erschienenen Ausgabe, 2. Auflage, 2004 (siehe Abb.)
In Italo Svevos Roman "Senilità", dessen deutsche Übersetzung den schlichten Titel "Ein Mann wird älter" trägt, erzählt der in Triest geborene Autor vom Leben des Versicherungsangestellten Emilio, der in der Mitte seiner Jahre noch einmal ein Abenteuer erfährt, als er sich auf die liebe zur jungen, schönen angiolina einlässt. - Ein bekanntes Motiv, das auch heute noch oft aufgegriffen wird. Was mir aber hier gut daran gefällt, ist, dass es keinen großen Umbruch gibt. Hier reist niemand zu seinen Wurzeln, hier lässt niemand sein Leben hinter sich oder folgt einer bisher nur in ihm schlafenden Berufung. "Er liebte es, [heißt es im Buch,] in Bildern zu denken, und da sah er sein Leben als einen geraden, gleichförmigen Weg [...]: von der Stelle an, wo er Angiolina begegnet war, begann der Weg sich aufwärts zu winden und zweigte in eine Gegend ab, die von Bäumen, Blumen und Bergen abwechslungsreich belebt wurde. Es war nur ein kurzes Stück, dann führte der Weg wieder hinab ins Tal, wurde eben und sicher wie zuvor." Und trotzdem - durch Svevos liebevolle Sprache besteht kein Zweifel an der Fülle der Leben dieser Menschen. Es besteht kein Zweifel, dass es ihr Leben ist, und dass sie es mit Leidenschaft leben. Seite um Seite lässt der Autor aber auch beständig Ironie anklingen, wenn er die "kleinen Lügen" aufdeckt, die in diesem Buch zwischen allen Personen wie Spinnennetze gespannt sind. In "Ein Mann wird älter" entspinnt sich schlicht und einfach zwischen dem, was Tag um Tag passiert eine Leidenschaft, in der sich am Beispiel des Emilio noch einmal ein Abglanz all der frühen, ungestümen Lieb- und Leidenschaften zeigt. Es ist die Geschichte eines einfachen Lebens, gewöhnlicher Ereignisse, aber auch ein Reigen um die "kleine Lüge". Ob Svevos feinsinniger, lächelnd-ironischer Beschreibungen fehlt es ihr weder an milder Heiterkeit noch an Klugheit. Aber -aufgrund des deutlichen Mangels an Spannung- allerdings auch -das will gesagt sein- ein Buch, bei dem meine Motivation mit den Seiten doch deutlich nachgelassen hat.
Senilità ("Ein Mann wird älter") wurde als Svevos zweiter Roman bereits 1898 erstmals aufgelegt, erweckte allerdings damals weder die Aufmerksamkeit des Publikums noch der Kritik. "Möglicherweise trug zu diesem Mißerfolg das überaus bescheidene Gewand bei, in dem das Buch sich darbot." So distanzierte sich auch der Autor selbst nach der "mißglückten" Erstauflage für 25 Jahre vom Buch, und empfand es in dieser Zeit als unbedeutendes Werk an. Als da Buch dann aber durch ein Lob James Joyces neu aufgelegt wurde, und der "Männer vom Range eines Benjamin Crémieux und eines Valery Larbaud [...] ihre Zeit und Zuneigung [schenkten]", erwachte auch in Svevo wieder jene Zuneigung zur Geschichte, mit der er sie damals niederschrieb. "Larbaud meint, daß dem Roman der Titel, den er trägt, nicht gemäß sei. Auch ich muss nun, da ich weiß was wirkliches Alter ist, manchmal darüber lächeln, dass ich ihm einen Exzess in der Liebe zugeschrieben habe. [...] Und dennoch: Es käme mir vor, als würde ich das Buch verstümmeln, wenn ich ihm seinen Titel nähme, der, wie mir scheint, einiges zu erklären und zu entschuldigen vermag. Dieser Titel hat mich geleitet, ich habe ihn erlebt.
So bleibe denn dieser Roman, wie er ist, und ich lege ihn dem Leser nur mit einigen rein formalen Änderungen wieder vor."
(Zitate aus dem Vorwort von Italo Svevo zur zweiten italienischen Auflage, Triest am 1. März 1927)
Tarass - 12. Apr, 21:35



